Ohrid, Mazedonien, ♁ 41° 7′ N, 20° 48′ O

Auf einer Reise über den Balkan hört man diesen einen Satz ganz oft. Immer dann, wenn man das Gespräch mit den Menschen auf den staubigen Straße sucht, in den Cafés und in den kleinen Geschäften. Wenn man fragt, wohin man gehen soll, besonders in Mazedonien. Der Satz ist kurz.

Ohrid, most beautiful.“

Ganz im Süden des Landes, an der Grenze zu Albanien liegt der älteste Süßwassersee Europas und der gleichnamige Ort. Aufgrund seiner einst 365 Kirchen und Moscheen, ein Gotteshaus für jeden Tag des Jahres, wird Ohrid auch das Jerusalem des Balkans genannt. Es gibt hier eine Forelle, die nirgends sonst auf der ganzen Welt lebt, die Ohrid-Forelle. Sie hat hier die letzte Eiszeit überlebt. Im Westen hat kaum jemand jemals von diesen Namen gehört.

Unzählige Moscheen und Kirchen stehen zwischen den Häusern und entlang der engen Gassen: Da ist die Ali-Pascha Moschee von 1571, die größte der zehn erhaltenen Moscheen, die die Kriege des letzten Jahrhunderts überstanden haben. Die Kreuz-Moschee, die 1466 an der alten Straße nach Bitola erbaut wurde und die kleine Hadschi-Hamzah-Moschee am Hang des Hügels Deboj. Keine fünf Fußminuten weiter steht die Kirche der Heiligen Gottesmutter Peripleptos, von der aus jahrhundertealte Kopfsteinplasterwege in gezackten Kurven wie ein Netz durch die Altstadt führen, zum See hinab, entlang des antiken hellenistisch-römischen Theaters den Hügel Gorni Saraj hinauf zur Festung des Zaren Samuil oder vorbei an den weißen, überhängenden osmanischen Häusern mit ihren vielen über das Wasser schauenden Fenstern. Da ist die orthodoxe Sveti Pantelejmon, die ehemalige Klosteranlage des Heiligen Kliment, die Sophienkirche aus dem 11. Jahrhundert und ganz nah davon die Sveti Nikola Gerakomija, in der die Gebeine des Heiligen Kliment liegen.

Am schönsten aber ist die Kirche des Heiligen Johannes von Kaneo, die gleich unterhalb der Festung auf einem Vorsprung über den See ragt. Man kommt hier entweder über einen schmalen Pfad den Hügel hinab oder entlang eines Steges unterhalb der Felsen her, die jäh aus dem Wasser emporsteigen. Sie ist umringt von steinernen Mauern, über glatte Stufen kann man zum Wasser hinab steigen. Vereinzelt stehen schmal in die Höhe ragende Nadelbäume, hölzerne Bänke flankieren einen massiven Tisch aus Stein und am Ufer wachen uralte Laubbäume, deren Blätter sich im Herbst golden und rot färben und durch deren Astwerk der vom See wehende Wind fährt. Neben den Stämmen liegen im Herbst die pastellfarben bemalten Boote an Land, die Rümpfe zeigen gen Himmel und das Licht eines am Fuße der Felsen liegenden Restaurants fällt schwach auf den breiten Steg. Über den Köpfen der Besucher ziehen vereinzelt Möwen ihre Bahnen.

Der weiße, fein geriebene Käse des Schopska-Salat zergeht auf der Zunge und entfaltet sein Aroma, die Pizza in einem Restaurant in einer kleinen Gasse ist kaum vergleichbar mit derjenigen aus dem Med Farine Club in Palinuro in Cilento oder Zola in Berlin, aber sie schmeckt trotzdem. An einem Tisch nebenan treffen sich Jugendliche aus dem Ort und an einem anderen Tisch sitzen zwei junge Albanerinnen mit ihren Freunden, die am Wochenende hierher gekommen sind. Ich sitze dazwischen und trinke ein großes Glas Bier dazu. In einer traditionellen Wirtschaft gleich um die Ecke servieren sie gegrillte Steaks, Lamm, Paprika und Kartoffeln mit Knoblauch. Weiter oben im Ort, am Ende der Fußgängerzone unweit des Marktes weht der Geruch von gegrillten Köfte, Moussaka und Gewürzen herüber, hier spürt man das griechische und das osmanische Erbe der Stadt. Als der Muezzin vom Minarett der Ali-Pascha-Moschee zum Abendgebet ruft, bin ich trotzdem kurz irritiert. In einer Bar am Wasser spielt laute elektronische Musik und die Kellner tragen bis spät in die Nacht Cocktails zu den Tischen. Der Kaffee am nächsten Morgen wird hier in Ohrid mit viel Sahne serviert.

Der Wochenmarkt einige Straßen weiter ist klein und eng und bunt. Ältere Männer und Frauen verkaufen selbst hergestellten Honig, Salatköpfe, Äpfel, Zwiebeln und Kartoffeln. Chili und Knoblauch hängt von den Zeltplanen und Stangen, es gibt Linsen, abgepackte Gewürze, Blumenkohl, Auberginen und Lauch. In der Fleischerei gegenüber des Marktes zerteilt ein Metzger das Fleisch und der Besitzer des Restaurants am Ende der Fußgängerzone wendet die Spieße und Paprika unter dem Abzug des Kohlegrills.

Ich bin zum zweiten Mal hier. Eigentlich wollte ich nur auf der Durchreise ein oder zwei Nächte bleiben, am Ende werde ich über eine Woche da gewesen sein. Tagsüber sitze ich in einem der Cafés, trinke Espresso, lese oder schreibe oder schaue auf den See. Abends wandere ich durch die engen Gassen und baue die Landkarte unseres Blogs. Zu den Beats aus der Bar unter mir versuche ich einzuschlafen, aber es gelingt mir nicht. Ein wenig komme ich mir wie ein Alien vor, aus der Zeit gefallen und fehl am Platz.

Es ist November und bald werden wir in den Iran aufbrechen. Bis dahin muss ich noch bis nach Berlin fahren. In den Bergen des Nationalparks im Norden hat es gescheit und ich brauche Winterreifen. Der Vermieter meines Appartements ruft seine Tochter in Skopje an. Sie spricht Englisch. Kurz darauf kommt der Neffe des Vermieters und fährt mit mir zur Autowerkstatt. Weil der VW Bus mit der Kiste auf dem Dach gerade so nicht unter der Durchfahrt eines Hauses in der Altstadt hindurch passt, pfeift der Neffe die Kellner des Restaurant nebenan zu sich. Mit drei Männern auf der hinteren Stoßstange des Busses rolle ich mit einem halben Zentimeter Luft zur Decke voran. Kaum sind wir durch, springen die Kellner ab und kehren im Laufschritt zur Arbeit zurück. Im gleichen Moment springt der Neffe des Vermieters  auf den Beifahrersitz und zündet sich eine Zigarette an. Mit dem Werkstattleiter wühle ich mich durch Türme von Reifen, bis wir passende gefunden haben. Ich sitze auf kalten Treppenstufen mit einem Kaffee aus einem Automaten, während ein junger Kerl mit einem meterlangen Hebel die Schrauben der Räder festzieht. 6 Monate später flucht ein deutscher Mechaniker, weil der Drehmomentschlüssel die Schrauben nicht lösen kann.

Das grobstollige Profil wird mich sicher durch den Mavrovo Nationalpark tragen, durch Serbien und das Eiserne Tor, durch das Banat, durch Transsilvanien und die Karpaten und durch die im Nebel versunkene Große Ungarische Tiefebene. Ich werde die Tannenwälder der Hohen Tatra durchqueren und in Krakau die Weichsel überqueren. Bei Cottbus werde ich schließlich nach mehr als fünf Monaten unterwegs wieder die Grenze nach Deutschland übertreten.

Der Balkan ist ein reicher, lebendiger, ein von Geheimnissen umwitterter Kontinent. Ohrid ist ein surrealer, märchenhafter Ort. Durch die Straßen weht der Wind und trägt orientalische Gerüche, die Rufe des Muezzin und das Läuten der Kirchenglocken durch ein Wirrwarr aus slawischen Gesprächsfetzen. Die Minarette und Kirchtürme ragen seit Jahrhunderten in den Himmel. Auf dem Grund des Sees schwimmen die Forellen seit Äonen.

Post Scriptum

Wenn ich einmal nicht mehr nach Hause komme, sucht hier nach mir. Am Ufer des Sees. Ich werde Asaf Avidan hören und Beirut und die Atemschaukel von Hertha Müller wird im Regal stehen. Ich werde einmal im Monat die Filme von Béla Tarr ansehen. Westeuropa wird nur noch eine ferne Erinnerung sein.

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