Eine neue Liebe – Bosnien & Herzegowina

Wir überquerten die Grenze zu Bosnien & Herzegowina von Süden aus. Ein neues Land lag vor uns und wir hatten keine Vorstellung mitgebracht. An der Grenze standen wir eine Stunde in der Mittagshitze auf einer staubigen Straße in einer Schlange von Autos, die sich nur langsam hangaufwärts bewegte. Am Rande der Straße befestigten Straßenarbeiter den Fels und Staub wehte durch mein Fenster und auf Livias Seite wieder hinaus und erhob sich von dort jäh in die Höhe. Der Wind trug den Staub bis hin über das Meer, das in der Ferne tiefblau unter uns ruhte. Zwischen uns und der menschenleeren Landstraße, die sich weit oben in den Hügeln wand und den Blick auf die Berge Montenegros freigab, lag nur noch der Grenzübergang. Im Handschuhfach fanden wir die gelbe Versicherungskarte unter Murren der Grenzbeamten, die sich ein Geschäft versprochen hatten. Wir hatten sie auf der letzten Reise zwei Jahre zuvor besorgt und mit keinem Gedanken mehr daran gedacht, dass wir einen Versicherungsschein für das Auto brauchen würden. Dann glitten wir mit einem neuen Stempel im Reisepass über den makellosen, hellgrauen Asphalt.

Anstelle der fehlenden Vorstellung öffnet sich dann ein Raum für das Unerwartete.

48 Stunden später: Hatten wir auf einem Campingplatz im Nirgendwo den Abend mit Pedja verbracht, der in den Siebzigern mit der deutschen Rockband Jane durch Europa getourt war und später in Jugoslawien als Popsänger berühmt geworden war. Während am Nebentisch alte Männer Schach spielten, erzählte er uns aus einem Leben, das man nicht erfinden konnte. Am nächsten Morgen hatte ich mit ihm das Wimbledon-Finale zwischen Djokovic und Federer nachgespielt, auf einem Basketballplatz aus Beton, das Netz improvisiert aus Holzscheiten und einem Seil, die Abmessungen des Feldes waren abgetragen, aber der Platz eigentlich einen Meter zu kurz.

Auf einem Hügel oberhalb er Stadt Trebinje hatten wir einer serbisch-orthodoxen Taufe beigewohnt und auf den Ort hinab gesehen, wo wir wenig später unter Platanen saßen und Kaffee tranken. Die Zeit schien unter den hohen Bäumen entrückt und aus dem Tritt geraten. Wir hatten ein jahrhundertealtes Kloster besucht, das mich an den heiligen Berg Athos erinnerte. Wir waren im eiskalten Wasser der Buna geschwommen, die unterhalb des Derwisch-Klosters von Blagaj in einer dunklen Höhle entspringt und schon als Strom aus dem Fels hervortritt. Im Wasser des Flusses sind Terrassen angelegt und Restaurants und die Stände der Souvenirverkäufer reihen sich aneinander. Wir dachten unweigerlich an Darband in der Bergen oberhalb Teherans. Auch dort sind die Terrassen entlang des Bachlaufs am und im Wasser aneinander gereiht.

Weiter flussabwärts hatten wir zugesehen, wie die Jugendlichen von großen Betonblöcken ins Wasser sprangen wie in den Freibädern in Deutschland, was die Mühlräder aber nicht beeindruckte. Die Erwachsenen saßen auf Plastikstühlen an einem Kiosk und rauchten, und am Straßenrand verteilte der Wind den Müll. Entenjunge folgten der Stockentenmutter durch das seichte Wasser und suchten zwischen den im Wasser hängenden Grashalmen nach Brotkrumen, während auf einer Insel im Fluss Familien unter schief stehenden Schirmen auf dem Kiesbett saßen und picknickten. Ein alter Mann stand mit den Beinen und verschränkten Armen im Wasser, dessen unruhige Oberfläche das Sonnenlicht in eintausend Richtungen reflektierte.

Am Abend garrten in der Dämmerung eine Forelle aus der Buna und einige Ćevapčići auf dem Grill im Garten eines alten Ehepaares und der Rauch schwebte seicht über den Fluss wie der Morgennebel. Die Äpfel im Garten schmeckten wie die Äpfel, als wir Kinder gewesen waren und der süße Nachtisch schwamm im Zucker wie das Rührei am nächsten Morgen im Öl.

„Die Natur ist schön, aber die Menschen sind es nicht“, sagte der Kellner noch im Restaurant am Fluss.

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