Zweiköpfiger Adler am Ende der A303

Treen, Cornwall, 50.04975°N 5.64127°W

An einem verregnetem Tag in Cornwall nimmt der Besitzer des kleinen Cafés in Treen immer und immer wieder mit Kartoffelbrei und Petersilie gefülltes Blätterteiggebäck aus der Vitrine und legt es unbeholfen auf einen Teller, um es in der Mikrowelle zu erwärmen. Das hausgemachte Gebäck ist die Spezialität hier. So groß und kräftig sind Hände des Mannes, dass sie grob wirken würden, wenn sie nicht gleichwohl liebevoll und mit großer Sorgfalt das Essen behandeln würden. So wie die Hände ist der ganze Mann. Ein wenig scheu und misstrauisch, und der Eindruck verschwindet nie ganz. Eigenartig fehl am Platz wirkt er, so als sollte er nicht die Gäste im Café bedienen, sondern mit der ihm ureigenen Kraft draußen sein, unter dem freien, wolkenverhangenen Himmel und schwerer, körperlicher Arbeit nachgehen, Zäune ziehen, Heu einholen, das Vieh auf die Weiden treiben, Dächer reparieren, Nägel in Holz schlagen. Das ist das faszinierende an seiner Erscheinung: scheu und zugleich ehrlich nimmt er mit einem kaum angedeuteten Nicken die Bestellungen entgegen und gibt kurze, ruhige Anweisungen an seine Tochter, die weiter hinten auf einem Hocker wartet und in ihr Handy schaut. Die Tochter blickt mit denselben, kirschbaumbraunen, ruhigen Augen auf wie ihr Vater. Dunkles Haar fällt über ihre Schultern, grau meliert ist das des Vaters. Liebevoll stellt er später die Teller auf den Tisch und serviert den Kaffee mit einem kaum merklichen Lächeln, das mehr dem Kaffee, dem Kuchen und dem Porzellan gilt als den Gästen.

Auf einer Arbeitsfläche im nächsten Raum, den man durch einen Durchgang erreicht, stapelt sich benutztes Geschirr. In einer Ecke des Raumes steht eine große, italienische Siebträger-Kaffeemaschine und eine mit dunklen Bohnen gefühlte Mühle, die nicht ganz in den Rest des Raumes passen wollen, dessen flache Decke und weiß gestrichenen Wände noch an die Waschküche erinnern, die er einmal gewesen ist. Der Espresso ist gut. Mit dem gleichen, kaum merklichen Lächeln, mit der der Mann uns das Essen und die Getränke serviert hat, erzählt er uns später in knappen Worten von der Rösterei in der nächsten Stadt und den Bohnen, die aus Nicaragua kommen. Weiter rechts im Gastraum, in dessen Mitte ein einzelner großer Tisch steht, folgt der Blick den Bildern an den Wänden und streift handgefertigtes Porzellan, das auf einer Anrichte zum Verkauf steht. Auf einem weiteren Regal sind Gläser mit selbstgemachten Marmeladen aufgereiht. In der Vitrine liegen neben dem hausgemachten, herzhaften Blätterteiggebäck Stücke von Schokoladen- und Apfelkuchen und belegte Sandwiches. Die beiden großen Fenster zur Straße sind mit großen, weißen Buchstaben beschrieben. Treen Café steht da, und frische Krabben-Sandwiches werden angepriesen.

 

Hin und wieder öffnet sich die Tür und kleine Glocken sirren, Gäste kommen herein und sitzen gemeinsam am großen Tisch in der Mitte des Raumes. Ohne viele Worte arbeitet der Vater in seinem blauen Shirt, auf dem der doppelköpfige Adler Albaniens prangt, mit seiner Tochter zusammen. Regen prasselt an das Fenster. Fast alle Gäste verweilen einen Augenblick länger, als sie vermeintlich für den Kaffee und den Kuchen benötigen würden.

In einem ruhigen Moment können wir dem schweigsamen Mann aus dem Café in Treen doch noch ein Gespräch abgewinnen: Zur letzten Europameisterschaft habe ihm ein Freund das T-Shirt mit dem Adler mitgebracht und sie hätten entschieden, das kleine Land, den Außenseiter, zu unterstützen. Aber er wäre noch nie dort gewesen, in Albanien. Im Sommer sei keine Zeit für Urlaub, für eine Reise. Als wir ihn nach seinem liebsten Ort fragen, hier in Cornwall, überlegt er lange und erzählt uns dann von den Ruinen unweit in den Hügeln. Dort sei es ruhig. Das gefalle ihm.

It is crowded in St. Ives. I don’t like crowds, I never go there.
Der Cafébesitzer in Treen

 

Als wir das Café verlassen und die Sonne durch die Wolken bricht, legt ein Mann in Gummistiefeln gerade Salatköpfe, Karotten, rote Bete, Kartoffeln und Zwiebeln auf einen kleinen, überdachten Tisch am Rande des Weges, die man gegen 1 Pfund eintauschen kann. Keine 10 Minuten von hier, einen schmalen Pfad entlang durch die Wiesen und über die aus Stein gebauten Mauern, die die Weiden begrenzen, wirft der Wind die Gräser hin und her. Die Wellen schlagen gegen den Fels, der schroff dem Himmel entgegen strebt. Es ist Flut und am Fuße der Felsen kann man die feinen Sandstrände erahnen, die bei Ebbe das Spiel der Wellen und Klippen voneinander trennen. Wir passieren Viehgatter, folgen dem ausgetretenen Weg und klettern auf die Felsen, die weit ins das Wasser ragen. Zu drei Seiten brandet das Meer und wirft die tief stehende Sonne zurück. Der Blick verliert sich am Horizont. Die Wolken türmen sich auf und ziehen so unaufgeregt und seelenruhig über uns hinweg, als gäbe es den Fels und die Wellen nicht und nehmen kaum eine Notiz von dem kleinen Café, der Wärme im Innern, den Buchstaben in den Fenstern, dem Gebäck, den Kuchen, dem Mann mit den großen Händen und seiner Tochter mit den dunklen, braunen Augen.

Treen, Cornwall

  • Fantastischer Kaffee, hausgemachte Kuchen & Pies, Marmeladen und Eis im Treen Café
  • Klettern & Meerblick von Treryn Dinas & Logan Rock
  • Surfen am Strand von Porthcurno
  • Übernachten im Van auf dem Parkplatz neben dem Café für 4 Pfund. Man bezahlt bei einem alten Ehepaar gleich neben dem Café, die öffentliche Toilette kostet 20 Pence

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