Von den Geschehnissen des 30. Oktober in Japan

Kumano Kodo,  Kii Hantō, Japan, 34°18′10″N 135°57′18″E

In Kyoto hätte Vincent Moon jene Würde gefunden, der er The Escape (Chinese Requiem) widmet. Seine fotografische Erzählung will ich jedes Jahr bis zu meinem Lebensende wieder sehen wie Susan Sontag Bèla Tarrs Sátántangó. Von Kyoto also fuhr ich im Zug nach Süden.

Am frühen Morgen des 30. Oktober 1091 hing kühler Nebel über den Wiesen und dem Fluss einer kleinen Ortschaft in den Bergen Japans. Hiroyoki war früh aufgewacht. Er saß auf der Treppe des kleinen Hauses am Rande der Siedlung, ließ seinen Blick über das Wasser gleiten und dachte an nichts. Hätte er in Richtung der Berge und des Tales gesehen, durch das das Wasser seinen Weg fand, um ein gutes Stück weiter den Hang hinab zu seinen Füßen entlang zu ziehen, hätte er ebenso wenig gesehen wie sein Geist in diesem Moment, denn die Hänge der nahen Berge blieben im Nebel verborgen.

Später einmal würde man der Siedlung den Namen Chukutsuya geben, und sie sollte zur Präfektur Wakayama gehören. Um sie von anderen Orten des gleichen Namens in Japan zu unterscheiden, würde man sie Kii-Chukutsuya nennen, da sie sich auf der Kii-Halbinsel im südlichen Teil Kansais befand. Die Steine und Bäume kümmerte das nicht. Nicht einmal der Fluss nahm davon Notiz.

922 Jahre später wanderte ich, ein junger Europäer auf der Suche nach einem Sinn, entlang des Kumano Kodo, einer tausend Jahre alten Pilgerroute und hatte das Gefühl, all das schon einmal gesehen zu haben.

Am 12. September 2005 veröffentlichte die Band Sigur Rós das Album Takk. Zum Titel ‚Gong‘ durchbrach die Sonne den Morgennebel am 30. Oktober 2013 auf dem Weg von Chukutsuya zum Kumano Hongū Taisha.

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