The Motel of Džep in Serbia

Das Motel von Džep in Serbien ist Film Noir. Es trägt 1 Stern im Gewand des Novemberregens und in strahlendem Rot die fünf Buchstaben auf dem Dach. Verschwommen durch die verregnete Scheibe und im Takt der Scheibenwischer brechen sie aus der Dunkelheit hervor: M O T E L.

Ich fahre den Bus von der Schnellstraße ab. Der Asphalt ist aufgebrochen, die Schlaglöcher glänzen jäh im schwachen Licht weniger erleuchteter Fenster. Nach etwa 2 Minuten Fahrt durch die Nacht des verlassenen Orts biege ich rechts auf den Hof ein und stelle den Motor ab. Ich bin zu lange gefahren – von Ohrid im Süden Mazedoniens, durch die Berge des Mavrovo Nationalparks. In Tetovo hatte ich zu mittag gegessen. Skopje war rechts an mir vorbeigezogen und bei Kumanovo hatte ich die Grenze nach Serbien überquert. Seitdem war die Straße für gefühlte Stunden der südlichen Morava gefolgt, deren Rauschen in der Ferne vom Regen unkenntlich gemacht wurde.

Ich ziehe die Jacke enger und gehe mit über die Schulter geworfener Tasche in Richtung des Lichts. Auf der Schnellstraße jagt ein Lastwagen vorbei. Die Scharniere der Metalltüren quietschen, als ich sie aufschiebe und ins Innere trete. Im Gastraum sitzen serbische Männer mit zerfurchten Gesichtern und ein Polizist, der mich argwöhnisch beobachtet. Die Kellner tragen weiße, sauber gebügelte Hemden und Westen, ihre Bewegung sind durch die unendliche Wiederholung ohne ein merkliches Stocken. Im Fernsehen läuft Basketball. Schilder auf einzelnen Tischen weisen sie als Nichtraucherbereich aus, von den Zigaretten in den Händen der Männer an den Nebentischen steigt Rauch auf.

Ich bestelle eine Gulaschsuppe, Serviettenknödel und ein Bier. Dazu spiele ich mir einen alten, rumänischen DOINA-Walzer auf den Kopfhörern. Später bestelle ich noch ein zweites Bier und ein drittes.

Als sich der Raum leert, breche auch ich auf. Das Zimmer liegt am Ende eines langen, staubigen Gangs in der zweiten Etage, der sich hinter einer schweren, mit Leder versehenen Tür öffnet. Die Klospülung geht nicht, und ich bekomme eine Elektroheizung ins Zimmer geschoben. In einem Operationssaal unter dem Dach entnehmen sie unbedarften, alleine reisenden Touristen Organe. Deren mit Steinen beschwerte Leiber werden Monate später am unteren Lauf der südlichen Morava wieder an Land gespült.

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage, steigt das Glück in mir empor wie der Zigarettenrauch am Vorabend zur Decke. Dazu spielt noch immer der DOINA-Walzer, und er spielt noch zum Frühstück und bis nach Niš, wo ich am Nachmittag Livia vom Flughafen abhole.

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