An einem Tag im Juni des Jahres 2020 betrat ein Mann mittleren Alters den Gasthof zur Post in Gößweinstein in der fränkischen Schweiz. Es war relativ früh am morgen und der Gastraum war noch leer. Er setzte sich auf die Eckbank an einem der Tische im vorderen Bereich des Raumes, saß so mit dem Rücken zur Wand und wartete.

Als schließlich die Kellnerin den Raum betrat, sah sie ihn fragend an, denn die Uhrzeit war ungewöhnlich. Ob er einen Kaffee trinken könne, fragte der Mann. Ohne ihr die Möglichkeit zur Antwort zu geben, fuhr er fort:

Wissen Sie, wir haben als Kinder immer hier gesessen, auf dieser Eckbank, oder dort drüben an diesem Tisch schräg gegenüber. Wir waren einmal in einem der kleinen Zimmer unter dem Dach untergebracht, und auch in den Zimmern im zweiten Stock. Wir sind immer mit den Eltern und unseren Freunden hierher gekommen und saßen selten ordentlich am Tisch, sondern lagen mit dem Kopf auf dem Stoff, wir haben gemalt, Brettspiele ausgebreitet oder sind draußen herum gelaufen, bei den Ziegen. Haben Sie noch die Ziegen?

Die Kellnerin verneinte, schon seit einigen Jahren nicht.

Der Mann zuckte mit den Schultern. Kloß mit Soß haben wir gegessen, jeden Abend. Oder Kartoffelpuffer. Nichts hat uns besser geschmeckt! Der alte Wölfel, ich denke, er mochte uns. Er hat immer tadelnd die Augenbrauen hochgezogen und streng geschaut. Kaum gesprochen hat er, wenn er die Bestellungen aufgenommen hat. Aber manchmal, ganz selten, da hat er uns aufgezogen mit einem kurzen, strengen Kommentar und dabei das Lächeln beinahe ganz verborgen.

Die Frau nickte unmerklich und verließ dann die Stube in Richtung der Küche. Als sie jedoch wenig später wieder den Gastraum betrat und den Kaffee auf dem Tisch abstellte, fragte sie: Und was ist nun aus Ihnen geworden?

Der Mann zögerte kurz, dann antwortete er: Ein Mensch bloß – mit Stärken und mit Schwächen wie die anderen, denke ich. Und sagte dann noch: Die Püttlach aber, unten in der Bärenschlucht, die ist noch immer eiskalt wie einst und dunkelgrün und das Licht bricht unverhofft durch das Blätterdach wie damals schon.

Einige Tage später, auf dem Rückweg von der Reise in den Süden, war der Mann noch einmal auf der Terrasse des Gasthofs zu Besuch und aß zu Abend. Da stand, 25 Jahre später, der Sohn des alten Wölfel im Flur vor dem großen Notizbuch mit den Reservierungen, ganz grau geworden und sah aus wie sein alter Vater, nur ein wenig korpulenter.