Paraiso Herzegowina

Viktor war von Mostar aus mit dem Fahrrad zu Besuch. Er saß unter einem Apfelbaum im Garten des alten Ehepaares am Rande der Buna und erzählte von seiner Zeit in der Schweiz, als er dort am Flughafen gearbeitet hatte, von der Rente, von seinen Kindern, die in der Schweiz geblieben waren und nur einmal im Jahr zu Besuch kamen, und davon, dass noch vor dreißig Jahren im Sommer nur einige Einheimische die Kravica Wasserfälle besucht hätten.

„Das ist ein beinahe ungeheuerlicher Gedanke“, dachte ich mir. In Anbetracht der Schönheit des in meiner Vorstellung von Menschenhand unberührten Ortes hätte jeder, der die in die Tiefe stürzenden Wasserfälle und das sich aus der weißen Gischt erhebende smaragdgrüne Wasser das erste Mal erblicken würde, in Vorahnung der biblischen Schlange erstarren müssen.

Wie schreibt man einen Text zu einem solchen Ort? Eher schlecht als recht.

Heute führt der Weg zu den dorthin über eine breite, betonierte Straße. Wir passierten ein kleines Dorf, an dessen Ausgang einige Stände aufgebaut waren und an denen es Honig, Wein und Früchte zu kaufen gab. Nach einer Weile endete die Straße in einem großen Parkplatz. Wir kauften Eintrittskarten und liefen dann einen sorgfältig ausgebauten Weg hinab in Richtung der Wasserfälle, die in einer Senke liegen und deren Rauschen wir hörten, bevor wir sie erblickten. Kameras und Mobiltelefone an den bekannten Selfiesticks bereiteten uns auf den Anblick vor, der uns vor eintausend Jahren unvorbereitet getroffen hätte. Eine elektrische Bahn fuhr an uns vorüber, für diejenigen, die es nicht erwarten konnten oder die Anstrengung in der Mittagshitze mieden. Mit einem Mal führte ein Bachlauf neben dem Weg entlang und nach einer Kurve öffneten sich die Bäume und gaben den Blick frei.

Den Bildern ist ja eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer vielleicht einer kurzen Erklärung: Natürlich kommen die Besucher in Scharen, und doch sind es nicht annähernd so viele wie im zweieinhalb Autostunden entfernten Dubrovnik. Hier ist es irgendwie erträglich und dort nicht. Am Ufer des Flusses findet man kaum noch einen Platz, um sein Handtuch auszubreiten, aber es geht dann doch. Das Wasser ist eiskalt, aber der Boden ist schlammig und aufgewühlt. An der unter die Bäume gebauten Bar gibt es kalte Getränke und am anderen Flussufer ein Autocamp, aber ohne viel Komfort. Die Kravica Wasserfälle sind noch immer ein blinder Fleck auf der Landkarte des westeuropäischen Massentourismus, und doch finden schon so viele Menschen den Weg hierher, dass der Ort ein anderer geworden ist. Die Menschen verändern ihn, aber er ist trotz der Menschen betörend schön. Die Gischt steigt noch empor wie schon immer. Der Wind rauscht in den Wipfeln der Bäume wie schon eh und je.  Die Wirbel am Fuß der Fälle beruhigen sich noch immer und werden zu einem Strom, der gemächlich von dannen zieht wie schon vor eintausend Jahren.

„Der lange Weg, der vor uns liegt, führt Schritt für Schritt ins Paradies“, sang Rio Reiser auf der Fahrt zurück aus den Lautsprechern des Autos, meinte damit aber natürlich etwas anderes.

„Paraiso Herzegowina“, dachte ich.

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