Der heilige Berg Athos, ♁ 40° 15′ N, 24° 15′ O

Es war vermutlich in Meteora gewesen, weit oben im Norden Griechenlands, in jenen in den Himmel ragenden Klöstern, die man auch die Wolkenkratzer des Mittelalters nennt, als ich zum ersten Mal überhaupt von der autonomen Mönchsrepublik hörte, die auf einer Halbinsel Griechenlands in Zentralmakedonien seit mehr als eintausend Jahren unter Einhaltung strenger Regeln existieren sollte. Ein Ort, an dem die Zeit still stünde. Noch heute sei Frauen der Zutritt strengstens untersagt und die Republik nur mit dem Boot zu erreichen. Zunächst hielt ich es für einen Mythos.

Dann erzählte mir Livia, dass ihr Vater einst dort gewesen wäre und noch heute immer wieder ehrfürchtig davon erzähle. Später erfuhr ich, dass auch Patrick Leigh Fermor, dessen Bücher ich auf der Reise voller Bewunderung las, dort gewesen sei, am Ende seiner unglaublichen Reise zu Fuß von London nach Konstantinopel im Jahr 1934. Gerade einmal 100 orthodoxe Gläubige und zehn nicht-orthodoxe Besucher dürften den heiligen Berg an einem Tag betreten und nicht länger als 3 Nächte bleiben. Das alles klang nach einem magischen Ort.

Vier  Wochen später setzte mich das Boot von Ouranoupoli am Mittag in Daphni ab. In den Händen hielt ich mein Diamonitirion, die Einreiseerlaubnis, die ich zunächst in Thessaloniki beantragen und am frühen Morgen vor Ort abholen musste. Hatte man die Zusage für einen Besuch erhalten, galt es, in den einzelnen Klöstern einen Platz für die Nacht zu reservieren. Es war kein leichtes Unterfangen gewesen, eine Route zu planen, die Telefonnummern der einzelnen Klöster ausfindig zu machen und am Telefon das Glück zu haben, den Gastvater zu erreichen, der die Plätze vergab.¹ Mit einiger Mühe hatte ich schließlich Erfolg gehabt. Jetzt stand ich an der Reling der AGIOS PANTELEIMON und konnte immer noch nicht begreifen, wohin ich gerade unterwegs war.

Von Daphni aus, dem einzigen größeren Hafen auf Athos, war ich entlang einer der wenigen Straßen mit dem Bus nach Karyes gekommen, in die Hauptstadt der autonomen Mönchsrepublik Athos inmitten des Ägäischen Meeres. Schon am Morgen waren überall die braunen Roben der Mönche zu sehen gewesen, die geheimnisvollen, tief liegenden Augen der Männer und die langen, dunklen Bärte, die sich mit dem Alter zunächst in den Spitzen und später ganz grau färbten und deren Gesichter dann, so kam es mir vor, freundlicher wurden.

Inzwischen stand die Sonne schon tief und ich musste vor Sonnenuntergang im Kloster ankommen. Mir blieb nicht mehr viel Zeit. Wenn ich zu spät käme, stünde ich vor verschlossenen Türen und müsste die Nacht im Freien verbringen. Was auf Athos, dem heiligen Berg, eigentlich verboten ist. Der Widerspruch irritierte mich schon eine Weile. Die letzen Tage des Oktober waren angebrochen und die Luft war empfindlich kalt, sobald die Sonne hinter den Hügeln verschwunden war. Für eine Stunde war ich einen steinigen Pfad bergab gegangen und hatte immer wieder verstohlen auf die Uhr geblickt.

Jetzt aber lag links und rechts von mir zunächst undurchdringliches Dickicht. Wilde Blumen wuchsen zwischen den Steinen, Efeu umschlang die Stämme der Eichen am Wegesrand und immer wieder stieg ich über kleine Bachläufe hinweg. Ich hatte mich schon immer gefragt, und das mehr als einmal, wie es in Deutschland, meiner Heimat, wohl aussehen würde, wenn nicht der Mensch das Land über Jahrhunderte kultiviert und verändert hätte, wenn nicht abertausende Straßen die Landschaften durchzögen, so dass man kaum mehr einen Ort findet, an dem man nicht zumindest in der Ferne noch das Rauschen einer Autobahn vernimmt. Wenn nur Pfade und zuweilen breitere Feldwege die bewaldeten Hügel aufbrächen. Wie sähen die Wälder aus, wären sie sich selbst überlassen? Bei Fermor, im Jahr 1933 als Achtzehnjähriger von England nach Konstantinopel aufgebrochen, der erst durch Deutschland und Österreich wanderte und dann zwischen Wäldern und Wasser durch die große ungarische Tiefebene und Transilvanien, bevor er schließlich über die Gipfel des Balkans weiter nach Süden vordrang, las ich seit einigen Wochen beinahe wehmütig davon. Hier fand ich die griechische Antwort auf meine Fragen. Abseits des Weges gab es kein Durchkommen. Büsche und dornige Sträucher versperrten den Weg und füllten den Raum zwischen den Bäumen. Es war erstaunlich grün. Der Norden Griechenlands, durch den wir bisher gekommen waren, war karg gewesen, bergig und steinig. Abseits der Olivenplantagen hatten nur vereinzelte Bäume gestanden. Hier warfen die Blätter das Abendlicht in Myriaden von herbstlichen Grün- und Gelbtönen zurück, das allgegenwärtige Ocker und Rot der Berge war gänzlich verschwunden.

Zu Gast im Kloster Iviron – über georgische Heilige & Reliquien

Als die Sonne gerade hinter den Hügeln verschwand, wurde der Weg weiter und ich fand links und rechts von mir Olivenbäume in Reih und Glied, eingefasst in steinerne Mauern und ich sah Wasserleitungen am Wegesrand: die ersten Anzeichen menschlicher Besiedlung, vom Pfad selbst abgesehen. Hinter der nächsten Wegbiegung erblickte ich dann endlich die Mauern des Klosters Iviron. Was für ein Anblick! Auf den massiven, mittelalterlichen Festungsmauern thronten die Fassaden von Häusern, das letzte Sonnenlicht spiegelte sich in einzelnen Fenstern, Schornsteine ragten in den Himmel und in der Mitte war die runde, rote und weiße Kirchturmspitze mit dem Kreuz darauf zu sehen. Die Dächer waren teilweise noch mit Schindeln aus Stein gedeckt und mussten ein ungeheures Gewicht haben, einige davon waren bereits mit roten, gebrannten Schindeln gedeckt. Direkt dahinter lag das Meer tiefblau im Schatten.

Ich war aufgeregt und auch ein wenig reserviert. Ich hatte eine Anleitung gelesen: Regeln für Besucher auf dem Berg Athos. Auf dem heiligen Berg gelten die bekannten Grußformeln nicht, stand da. Als Besucher grüßte man die Mönche immer zuerst, orthodoxe Gläubige küssten dann die Hand des Priesters. Als westlicher Besucher würde ich die Möche mit einem ‚Evlogite‚ und einer Verbeugung begrüßen müssen, woraufhin diese dann mit ‚O kyrios!‚ antworten würden. Wie man dieses ‚Evlogite‚ allerdings richtig aussprach, davon hatte ich keinen blassen Schimmer. Ich würde damit jedenfalls um Gottes Segen bitten und der Mönch würde mit ‚Gott segne Dich!‚ antworten. Allerdings kümmerte sich erst einmal niemand um mich, und so schritt ich durch die Klosterpforte in den Innenhof von Iviron. Direkt vor mir lag unter einer kleinen Kuppel mit aufwendigen Fresken das Taufbecken, und links davon die Kirche. Zwei große Pinien ragten in den Himmel und dahinter ein mittelalterlicher Festungsturm. Laut meinem Pamphlet mit den Verhaltensregeln musste ich als nächstes das Gästehaus finden. Also durchschritt ich den Innenhof, folgte den hölzernen Hinweisschildern und trat ein. Ein schwerer Eichentisch stand zu meiner Rechten, so etwas wie die Rezeption, und in der Mitte standen auf zwei Tischen zwischen mit Polstern bewährten Bänken Karaffen mit Wasser und einer klebrigen Süßigkeit, und auf der anderen Seite lag ein riesiger, gemauerter Kamin. Sonst war allerdings niemand zu sehen. Ich stellte meinen Rucksack ab und wartete, aber es passierte für eine ganze Weile nicht viel. Ein Gruppe Griechen, die ich kurz zuvor noch entland des Pfades getroffen und überholt hatte, kam herein. Als sie merkten, dass ich ihre Sprache nicht verstand, zeigten sie auf das Wasser und die Süßigkeiten, überließen mich sonst aber mir selbst. Immerhin würde der Gastvater jetzt auftauchen müssen, dachte ich, denn die Griechen unterhielten sich so lautstark, dass es niemandem entgehen konnte. Als eine Weile lang nichts passierte, ging ich rastlos umher, und aus einem Seitenflügel kamen einige andere Besucher die Treppe hinunter.

Einer davon war Grigol aus Georgien. Das heiliger Kloster Iviron ist eigentlich ein georgisches Kloster. Gewidmet der Himmelfahrt Marias, soll es etwa 980 unter der Leitung des georgischen Fürsten Johannes Varazvatsche, einem Beamten am Hof des Königs Dawits IV. und später Mönch, seinem Sohn Euthymius und einem weiteren Schwiegersohn errichtet worden sein. Es beherbergt bis heute eine sehr wichtige georgische Ikone. Grigol – im Gesprochenen Grigori – winkte mich heran und frage, ob ich auch einen Kaffee wolle. Grigori war mit dem Flugzeug aus Georgien angereist und nahm mich sogleich unter seine Fittiche. Als wir einen kurzen, seltsamen Moment überwunden hatten, in dem ich ihm offenbaren musste, nicht dem orthodoxen Glauben anzugehören, freundeten wir uns schnell an. Die Tatsache, dass wir den griechischen Kaffee beide nicht so süß wie üblich mochten, war ein Türöffner, und tatsächlich schmeckte der von ihm zubereitete Kaffee ziemlich gut. Ich war sehr unsicher, wie ich mich zu verhalten hatte, und da war es gut, dass sich jemand meiner annahm. In der Küche des Gasthauses waren ansonsten noch eine Gruppe Russen in Jogginganzügen und zwei Griechen. (Ich hatte zuvor gelesen, dass man sich im Kloster ordentlich kleidete, ältere Leute würden durchaus Anzug und Krawatte tragen, so dass mich die Aufmachung der Russen sehr verwunderte. Ansonsten machten sie aber einen sehr frommen Eindruck, insbesondere in der Kirche bekreuzigten sie sich später zuhauf und küssten die Ikonen und Gebeine der Heiligen mit großer Ernsthaftigkeit und Hingabe.)

Hin und wieder tauchte ein Mönch auf, aber keiner schien der Gastvater zu sein. Ich war ein wenig nervös und rastlos, denn ich hatte noch immer kein Zimmer und hätte mich ja eigentlich spätestens zum Sonnenuntergang bemerkbar machen müssen, aber nun war ich ja immerhin schon innerhalb der Klostermauern und trank also Kaffee mit Grigori. Als wir damit fertig waren, verschwand Grigori in seinem Zimmer und ich saß wieder an der Rezeption. Die Gruppe Griechen war verschwunden und sie hatten vermutlich Ihre Zimmer bezogen. Zweimal kamen Mönche vorbei, ich versuchte es mit einem zaghaften ‚Evlogite‚, einmal bekam ich sogar ein ‚O kyrios‚ zurück, aber keiner der beiden machte Anstalten, mir weiter zu helfen. Nun solle man im Kloster Geduld haben, hatte ich gelesen, also setzte ich mich und las, bis Grigori wieder auftauchte und mich wieder in die Küche lotste.

Diesmal gab es keinen Kaffee, sondern georgischen Wein, den er mitgebracht hatte und verstohlen aus einer Flasche einschenkte, die er geschickt in einer Plastiktüte verbarg. Dazu servierte er noch ein Gebäck mit Oliven aus Karyes  und ein mit Spinat gefülltes Gebäck aus Ouranoupoli. Ich kann Oliven nicht ausstehen, der bittere Geschmack entstellt mir jedes Mal die Gesichtszüge. Aber ich war froh, einen Freund gefunden zu haben und spülte das Gebäck also mit dem Wein hinunter, und als wir die Flasche zusammen geleert hatten, war alles schon nur noch halb so befremdlich und einschüchternd. Jedoch: Ich hatte wohl zum zweiten Mal den Gastvater verpasst und da saß ich wieder ein wenig unbeholfen und rettete mich in die Seiten meines Buches.

Endlich tauchte der Gastvater noch einmal auf. Er war einer der jüngeren Mönche, sein Bart war noch vollkommen unversehrt, kein weißes Haar war zu sehen, aber er strahlte trotzdem eine große Autorität aus und schalt mich, warum ich mich nicht zuvor bemerkbar gemacht hätte? Ich war ihm wohl schon aufgefallen. Sein Englisch war ausgezeichnet. Schließlich bekam ich meinen Schlüssel, ich hatte großes Glück und ein Einzelzimmer bekommen. Als ich nach dem Zeitplan der nächsten Stunden fragte, erwiderte er nur knapp: „We are going to church, NOW.“ Also warf ich meinen Rucksack aufs Bett und eilte zur Kirche.

Ich trat durch den reich bemalten Narthex in die Vorhalle und schließlich durch einen bogenförmigen Durchgang in den kerkerdicken Mauern in die Kirche selbst. Der Innenraum lag beinahe komplett im Dunkeln. Der Nachthimmel war klar, das Mondlicht fiel düster durch die engen Fenster der Kuppel und Absiden und nur einige Kerzen warfen weiches, goldenes Licht in den von der Kuppel überspannten Raum, das von der überbordenden Ikonostase zurückgeworfen wurde. Ich verzog mich in die Dunkelheit einer Ecke und stand in einem knarzenden, für die Klosterkirchen auf Athos typischen Chorgestühl. Nach und nach traten die Gläubigen ein und bekreuzigten sich hundertfach, verbeugten sich und küssten die Ikonenbilder. Währenddessen las ein Mönch mit tiefschwarzem Bart, tiefliegenden Augen und markanten Gesichtszügen aus der Bibel. Hin und wieder erhob er die Stimme vorsichtig zum Gesang, der dann aus dem mir gegenüber liegenden Seitenschiff beantwortet wurde und so hin und her schwang. Das einfallende Mondlicht und das Licht der Kerze, die er zum Lesen nutzte, betonten seine scharfen Züge noch. Was für ein Motiv er gewesen wäre! Aber natürlich war an Fotografieren nicht zu denken. Die zahlreichen Fresken lagen in einem blauen Dunkel aus Dunst und waren kaum auszumachen. Vereinzelt wurde das im Kerzenschein schimmernde Gold des gewaltigen Kronleuchters reflektiert, der in der Mitte von einer schweren Eisenkette herab hing. Alles zusammen erzeugte eine wahrlich mystische Atmosphäre. Dazwischen schlurften die orthodoxen Gläubigen aus Russland in ihren Jogginganzügen und dem Россия-Schriftzug zwischen den Schulterblättern durch die Kirche, was der ganzen Szene eine absurde Note verlieh. Immer wieder bekreuzigten sich meine Nachbarn, und ich war unsicher, ob ich ihrem Beispiel folgen sollte oder nicht. Also tat ich es zuweilen, und dann wieder nicht. Allerdings machte ich es, wenn ich mich bekreuzigte, dann auch noch falsch. Zwar hatte ich genau beobachtet, das man sich von rechts nach links bekreuzigte (einer der feinen Unterschiede zwischen der Ostkirche und den Katholiken), nahm aber nur Zeigefinger und Daumen zusammen. Ich wusste nicht, dass man eigentlich auch noch den Mittelfinger hinzunahm. Was für ein Frevel! Die drei Finger symbolisieren die heilige Dreifaltigkeit, und die beiden übrigen, an der Handfläche angelegten Finger, die doppelte Natur Jesus sowie sein erstes Kommen und seine erwartete Wiederkunft.

Das waren dann aber schon die Highlights, ansonsten erinnerte mich das monotone Vorlesen an die endlosen Stunden in der Kirche im Jahr meiner Konfirmation. Schon damals hatte ich mich gewundert, wie der Pfarrer die heiligen Texte nur dermaßen gelangweilt vorlesen konnte. Hier verstand ich darüber hinaus nicht einmal den Text und so wurde der Gottesdienst sehr lang. Nicht nur meine, sondern auch die Augenlider einiger meiner Nachbarn wurden mit der Zeit schwer. Als es zu arg wurde und ich drohte einzuschlafen, machte ich mich verstohlen auf den Weg nach draußen und trieb mich verloren in Innenhof und Narthex herum und betrachtete die Gemälde, die jeden Zentimeter der Wände und Bögen im schwachen Lampenschein ausfüllten. Sie zeigten Scharen von leuchtenden Gestalten, deren goldene Heiligenscheine sich überlappten wie eintausend Sonnen, ich sah Martyrien und Engel, die Apokalypse, jüngste Gerichte, gekrönte Könige und Königinnen und Bettler, die von einer drachengleichen Schlange verschlungen wurden und im Schlund des Fegefeuers mit weit aufgerissenen Augen verdorrten. Ich sah einsame Herolde, Verkünder von Armeen. Mein Blick folgte der Himmelsleiter hinauf zu den Wolken, von wo die Heiligen die Erlösung predigten, mit schweren Büchern in der Armbeuge und umgeben von Engeln. Als ich mich daran satt gesehen hatte und auch das langweilig wurde, kehrte ich in die Kirche zurück. Der Gottesdienst schien inzwischen vorüber zu sein, alle Gläubigen standen wartend in einer Reihe, die in einen Nebenraum führte. Wieder wusste ich nicht recht, was mit mir anzufangen sei, bis mich der Gastvater erblickte und mit einer Handbewegung aufforderte, mich auch in die Reihe zum Nebenraum zu stellen. Ich wurde unruhig. Ich hatte wieder keine Ahnung, was mich dort erwarten würde, und noch viel besorgniserregender war die Frage, was man dann von mir erwartete.

Wie sich herausstellte, waren in dem Nebenraum die Reliquien von Heiligen und weitere Ikonenbilder aufgereiht. Prunkvolle, in Gold eingefasste Bilder, alte Schriften und sogar in Messing und Gold eingefasste Knochen lagen da in Kästen. Die Gläubigen bekreuzigten sich vor jeder Ikone, beugten sich tief hinab und küssten das Glas. Der Gastvater stand am Eingang und wachte über allem. Ich war der letzte in der Reihe, und mir blieben drei oder vier Gottesdienstbesucher, bei denen ich mir genau ansehen konnte, was zu tun sein. Als ich an der Reihe war, bekreuzigte ich mich also, beugte mich hinunter, tat es ihnen gleich und küsste das Glas der Bilder und Kästen. Ich kam mir schrecklich dämlich und fehl am Platz vor. Ganz zu Schweigen von meinen Gewissenskonflikten.

Vom Gottesdienst aus ging es direkt ins Refektorium, den Speisesaal, der gegenüber der Kirche lag. In langen Reihen saßen die Pilger und Mönche hier zusammen und nahmen das Mahl aus metallenen Tellern zu sich. Niemand sagte ein Wort, denn das Essen gilt als Fortsetzung des Gottesdienstes und wird schweigend eingenommen. Von einer Kanzel rezitierte ein Mönch weiter biblische Zeilen. Ich schaufelte eine bereits kalte Gemüsesuppe hinunter, dazu gab es trockenes Brot, Wasser und einen Apfel mit Wurmstich. Auch die Wände und die Decke des Speisesaals zierten aufwendige Fresken mit biblischen Szenen. Dann war der Spuk urplötzlich vorüber und alle Strömten nach draußen.

Im Innenhof traf ich Grigori wieder. Wir unterhielten uns noch eine Weile. Sein Englisch war weniger gut, als ich zunächst gedacht hatte und unsere ersten Unterhaltungen hatten vermuten lassen, und so verlief das Gespräch zwar sehr freundlich, aber auch ein wenig schleppend. Grigori ist Maler in Georgien, erfuhr ich, und seine Pastell- und Ölbilder zeigen vornehmlich Stillleben, Blumen auf Fensterbänken und ruhige Landschaften. Was mir auffiel, waren die Farben. Die meisten seiner Bilder, die er mir auf dem Handydisplay zeigte, waren in einem hellen Grün gehalten, die Blumen waren oft von gelber Farbe und harmonierten auf eine großartige Weise. Ich wäre selbst vermutlich nie auf die Idee gekommen, Grün und Gelb zu kombinieren, aber in seinen Werken entfaltete die Kombination der beiden Farben eine großartige Harmonie.

Es ist eine bemerkenswerte Wärme zwischen den Pilgern, die alleine reisen und sich im Kloster treffen. Schon auf dem Boot war mir das aufgefallen, obwohl wir Athos noch gar nicht erreicht hatten. Alles wirkt beseelt. Alle Bewegungen sind auf eine Weise zurückgenommen und bedachter. Die Pilger, die in Gruppen reisen, sind wiederum weniger aufgeschlossen, sie müssen keine Freunde finden und sind vermutlich froh über die Sicherheit, die ihnen die Gruppenzugehörigkeit bietet und lassen die anderen Reisenden links liegen.

Als Grigori und ich uns schließlich im Gästetrakt voneinander verabschiedeten und eine gute Nacht wünschten, fasste er mich zunächst sanft am Ellenbogen und legte dann seine Hand an meinen Nacken, die Fingerspitzen legten sich auf meinen Haaransatz und sein Daumen strich beinahe zärtlich über meine Wangenknochen. In den Bäumen und in den Sträuchern regte sich ein Windhauch.² Ich war einen kurzen Moment irritiert, fasste ihn schließlich freundschaftlich an der Schulter, lächelte und stahl mich schnell davon in mein Zimmer.  Man täte ihm jedoch Unrecht, wenn man diese Geste falsch deuten würde, und ich hoffe, er bekam von meiner Unsicherheit nichts mit.

Von der Qual byzantinischer Zeitrechnung

Schließlich faltete ich meine kratzige Bettdecke auseinander, legte das Laken darunter und kroch ins Bett. Der nächste Gottesdienst würde (vermutlich) um 03.30 Uhr beginnen, und ich wollte ja das darauf folgende Mittagessen nicht verpassen. Ganz sicher war ich jedoch nicht, denn die Zeiten waren nur auf Griechisch angeschrieben, und auch mithilfe des Google-Übersetzers kam ich nicht weiter, da mir die kirchlichen Begriffe für die Programmpunkte wenig sagten. Außerdem konnte ich die angesetzte Uhrzeit immer noch nicht recht glauben, doch ich hatte zuvor an einigen Stellen davon gelesen.  Zudem verwirrte mich, dass an einem Aushang stand, dass sich die Gäste zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang eigentlich nur im Gästetrakt aufhalten sollten. Aber vielleicht war damit die byzantinische Zeit gemeint.

Mittagessen? Ganz richtig. Auf Athos folgen die Klöster mit wenigen Ausnahmen noch dem julianischen Kalender, und nach byzantinischer Zeit entspricht 07:00 Uhr in der Früh im Herbst 13:00 am Mittag. Daher würde ich vermutlich schon in aller Herrgottsfrühe mit einer warmen Mahlzeit rechnen können. Vielleicht würde auch Wein oder Raki serviert werden.

Als mein Wecker dann klingelte, war ich noch ganz benommen. Ich lauschte in den Flur und hörte – nichts. Wenn die Kirche also wirklich schon so früh beginnen sollte, hätte ich ja die anderen Gläubigen über den Flur schlurfen hören müssen. Aber es war mucksmäuschenstill. Das und die am Morgen vollkommen diametralen Präferenzen zum Vorabend reichten mir vollkommen, ich stellte den Wecker auf 06:oo Uhr und schlief weiter, nicht ganz ohne schlechtes Gewissen. (So geht es mir morgens immer, nicht nur hier auf Athos.)

Auch drei Stunden später war kaum Bewegung im Gang, ich traf nur einen einzelnen anderen Pilger im Waschraum. Also schlich ich dann doch nach draußen und über den in der grauen Morgendämmerung ruhig daliegenden Innenhof. Und da waren sie alle und drängten sich in der kleinen Kapelle, die gleich neben der kreuzkuppelförmigen Hauptkirche lag, für die göttliche Lithurgie. Nicht alle hatten Platz gefunden, manche folgen der Lithurgie von draußen. Es kam mir wie ein Wunder vor, wie die Gläubigen alle hierher gelangt waren und ich davon nichts mitbekommen hatte. Unschlüssig stand ich eine Weile herum, und als mir kalt wurde, betrat ich die Kapelle. Kurz darauf ging ein Mönch mit einer blechernen Vorrichtung an einem langen Stab durch die Reihen, den er immer wieder klappernd hob und senkte und der Duft von Weihrauch erfüllte den Raum. Die Liturgie war schon beinahe beendet. Die Gläubigen standen in einer Reihe und drängten sich aus dem Vorraum in das spärlich beleuchtete Innere der Kapelle. Grigori hatte mich erspäht und winkte mich heran. Mir blieb nichts anderes übrig und ich folgte ihm ins Innere.

Das erste Licht der Morgendämmerung fiel durch die schmalen Fenster der Kuppel, einige Kerzen brannten und auch hier herrschte eine mystische Atmosphäre aus Zwielicht, Kerzenschein, den prunkvollen goldenen Verzierungen an den Wänden, dem gigantischen Kronleuchter, der auch hier von der Decke hing und den blassblauen, düsteren Fresken mit den Heiligenbildern und biblischen Szenen. Über allem wog der monotone Singsang der Mönche, nur hier und da hörte man das Schleifen der Füße der Pilger und das Knarzen der Kirchenstühle. Von draußen drang das frühe Gezwitscher der Vögel herein. Die Reihe der Pilger endete an einer bedeutenden georgischen Ikone, wie mir Grigori flüsternd erklärte, als er mich weiter nach vorne drängte. Die Ikonenverehrung wurde hier besonders ehrfürchtig praktiziert, manche gingen dreimal in die Knie und bekreuzigten sich jedesmal vorher, bevor sie Armbänder, Halsketten, Heiligenbilder oder Fotos an das Glas hielten und küssten. Ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, ob es sich dabei um die wunderbringende Panagia de Portaitissa handelte. Dafür spricht, dass diese die wichtigste Ikone im Kloster Iviron ist, über deren Ankunft in Athos es wundersame Geschichten gibt. Dagegen spricht jedoch ihr Name selbst, auf deutsch die Gottesmutter von der Pforte. Der Name geht darauf zurück, dass die Ikone im Laufe der Jahre mehrmals an unterschiedlichen Stellen in der Kirche aufgehangen wurde, sich aber immer wieder auf wundersame Weise an der Pforte wiedergefunden haben soll. Ich war wieder einmal der Letzte in der Reihe und konnte nicht anders als mich bekreuzigen, verbeugte mich und küsste die Ikone. Noch bevor ich mich ganz weggedreht hatte, holte ein Mönch emotionslos eine Flasche Glasreiniger und ein Tuch hervor, sprühte und wischte damit die Scheibe wieder sauber und alle Spuren der Hingabe der Pilger waren verschwunden.

Dann bewegte sich die Prozession in Richtung des Refektoriums. Anstelle des erhofften Mittagessens gab es aber lediglich Kaffee und trockenes Brot und dazu einige trockene Trauben. Also tauchte ich das Brot, das sicher einige Tage alt war, in den Kaffee und biss mir daran beinahe die Zähne aus. Den anderen Pilgern ging es ähnlich, und auf dem Weg nach draußen stibitzte ich noch einen Apfel für unterwegs. Dann packte ich meine Sachen und machte mich auf den Weg. Als ich das Kloster verließ, verabschiedete ich mich von Grigori. Die russische Reisegruppe verspeiste in der Küche des Gasttraktes gerade mitgebrachten Proviant: Üppig belegte Brote, Eier, Weintrauben und Käse. Sie hatten vorgesorgt. Mein Weg führte mich einen steinigen Weg an der Küste entlang zum Kloster Stavronikita, von dort war es ein steiler Anstieg zurück nach Karyes. So vertrieb ich mir den Vormittag, aß in Karyes vorsorglich Frikadellen mit Reis in Tomatensoße – im Kloster gibt es in aller Regel nur vegetarisches Essen, an besonderen Tagen gibt es ausnahmsweise Fisch – und stieg dann in einen der Kleinbusse, der mich in die Megistri Lavra bringen sollte, das größte und in der Rangfolge an erster Stelle stehende unter den Klöstern auf dem heiligen Berg. Von hier würde ich von der Ostspitze der Insel durch die sogenannte Wüste wandern, den südlichen Zipfel der Halbinsel, auf halber Höhe am Berg und weit über dem Ägäischen Meer. Hier gibt es keine Klöster, nur vereinzelt stehen wenige Häuser zusammen, die sogenannte Skete. Ich hatte ebenso Gerüchte von Einsiedlern gehört, die noch in Höhlen oder weit abgelegenen, einzeln stehenden Häusern, den Kelions leben würden. Die wenigen Skete und Kelion liegen allerdings so weit abseits des Pfades, dass ich auf meiner ganzen, langen Wanderung zur großen Skete der heiligen Anne auf der Westseite der Halbinsel fast niemanden zu Gesicht bekommen sollte. Aber dazu mehr, vor uns liegt noch die Nacht in der Megistri Lavra.

In der großen Lavra – ein Fisch, ein Narr und ein Gott

Nach der langen Fahrt über holprige Staubstraßen – der Weg führte wieder vorbei am Kloster Iviron, wo meine russischen Freunde einstiegen und sich wunderten, wo ich plötzlich herkam – erreichten wir am Nachmittag die große Lavra. Dort checkten auch Heinz und Lukas ein, Großvater und Enkel aus Wien, mit denen ich ein Zimmer teilen sollte. Heinz war schon sieben Mal auf dem heiligen Berg gewesen, und Lukas wollte schon seit der ersten Erzählung des Großvaters einmal hierher kommen. Mit den beiden sprach ich auch das erste Mal seit Tagen wieder ein paar Worte deutsch und war ein wenig froh darüber, während wir Raki und griechischen Kaffee hinunter stürzten und die klebrige Süßigkeit kauten. Ich beunruhigte sie sogleich mit einer Erzählung von Bettwanzen, die sich hier eingenistet haben sollten, wie ich auf der Seite der Freunde des Berges Athos im Vorfeld gelesen hatte. Aber zum Glück stellte sich heraus, dass unsere Sorge unbegründet war, wir blieben verschont.

Nachdem wir eine Weile ausgeruht hatten, stand der nächste Gottesdienst an. Wieder trat ich durch einen mit kunstvollen Fresken verzierten Gang ins Innere der Kirche. Wieder liefen die Gläubiden durch die Kirche und verehrten die Ikonen. Im Megisti Lavre waren die Regeln jedoch strenger als in Iviron und so mussten Heinz, Lukas und ich als nicht orthodoxe Gläubige im hinteren Bereich der Kirche zurück bleiben. Ich versank in meinem Holzstuhl, und gleich überkam mich wieder eine furchtbare Müdigkeit. Eine Weile hielt ich mich so, betrachtete das Innere der Kirche, die Deckengemälde, die prächtige Ikonostase und prunkvollen Verzierungen, bis mein Blick auf den blank geschliffenen Steinplatten vor mir verweilte. Feine Adern bahnten sich ihren Weg durch den Stein und er schimmerte im düsteren Licht in unterschiedlichen Schattierungen. Direkt vor mir zogen sich einige Risse durch die Platten, und etwas weiter, der Fuge zugewandt, waren einige Stellen ganz schroff, als wäre hier die Oberfläche durch die Einwirkung einer Gewalt von außen aufgebrochen worden. Zusammen ergab alles ein interessantes Muster und ich versank immer tiefer in diesem Mosaik aus Grautönen und Weiß wie Alice im Kaninchenbau. Plötzlich sah ich in aller Deutlichkeit, was sich abspielte. Die Konturen eines Fisches wurden deutlich, aus dessen geöffnetem Maul ein dichter, schwarzer Nebel in Richtung der Meeresoberfläche quoll. Der Fisch selbst wandte sich ebenso der Oberfläche zu, eine ganz unnatürliche Haltung, so als wäre er im Todeskampf begriffen oder gar nur eine Statue, ein Geysir unter der Oberfläche. Gleich rechts davon jedoch wurde es noch seltsamer: Ich sah zwei absurd übereinander gestülpte Panzerketten, zuoberst lag in weitem Mantel, mit dem Kopf voraus und nach vorne überstehend, mit dichtem Bart, dem gelockten Haar und in sozialistischem Realismus gehauenen, markanten Gesichtszügen – ich traute meinen Augen kaum – der griechische Gott Zeus, einem Amboss gleich bäuchlings auf dem Gefährt. Sein gekrümmter Körper formte den Geschützturm. Es wurde jedoch noch absurder – auf ihm ritt – ein Narr mit zu einer Grimasse entstellten Gesichtszügen, den Mund zu einem wahnsinnigen Lachen verzogen. Doch ich vernahm keinen Laut davon. Auf dem Kopf trug der Narr jene zylindrische Kopfbedeckung der Mönche, von der schwarze Schleier wehten. Daraus wuchs noch einmal ein dünner Stab wie eine Antenne empor, an deren oberen Ende drei verzierte Glöckchen klingelten. Auch diese hörte ich jedoch nicht, nur das monotone Gemurmel der in griechisch gesprochenen biblischen Verse wehte aus den Seitenschiffen herüber und das Klappern der an einem Stab befestigten blechernen Vorrichtung, mit der ein Mönch durch die Kirche zog und den Weihrauch verteilte. Ich war perplex. Ich musste die Szene eine Ewigkeit angestarrt haben, und als ich mich gerade ein wenig gefangen hatte, sprach der Fisch plötzlich mit blubbernder Stimme: „My name is hope, ya! I am blessed with the body of goddesses.“ Ich konnte mir daraus keinen Reim machen, und als ich meinen Blick fragend dem Narr zuwandte, hörte ich Zeus mit leiser und mit gebrochener Stimme sagen: „Er ist der große Zerstörer.

Im nächsten Moment erhoben sich Heinz und Lukas neben mir, und die plötzliche Bewegung und das Ende des Gottesdienstes zogen mich in einer einzigen gleitenden Bewegung aus der Welt des Kaninchenbaus hervor, ganz wie die Kamera auf ihrer langen, atemberaubenden Fahrt in der letzten Szene von Men in Black. Die Kamerafahrt endete jedoch nicht in den weiten des Universums, mit den Klauen von mit Murmeln spielenden Aliens, sondern im Refektorium der Megisti Lavra. Und auch hier: Was für ein Anblick! Steinere, rechtecktige Tische mit abgerundeten Ecken und einer rundum verlaufenden Erhöhung waren eingefasst in ebenso steinerne Bänke, auf denen schon die Gläubigen saßen. Der Aufbau des Speisesaals war im Grunde ähnlich wie das Innere der Kirche selbst kreuzförmig. Die Tische erstreckten sich links und rechts entlang des Ganges und in die Seitenschiffe. Am Ende des Hauptschiffes erhob sich eine Empore, hier saßen zwei Polizisten der nahe gelegenen Polizeistation und aßen abseits. Wir sollten sie später noch einmal sehen. Ein wenig weiter vorne erhob sich die Kanzel, und ein Mönch rezitierte weiter biblische Verse. Auch hier waren die Wände und die bogenförmig zulaufende Decke reich bemalt. Zu meiner Freude und Überraschung gab es jedoch ein ziemlich weltliches Essen: Spaghetti mit Tomatensoße und Hartkäse. Was für ein Genuss, auch wenn das Essen hier genauso wie im Iviron schon wieder kalt geworden war. Am Ende des Mahles strömten diesmal aber nicht alle sogleich nach draußen, sondern stellten sich in zwei Reihen auf. Ein Priester ging mit einem Leib Brot umher, aus dem sich alle Gläubigen mit den von der Pilgerfahrt schmutzigen Fingernägeln ein winzig kleines Stück abknappten, es in den Weihrauch hielten, den ein weiterer Mönch verströmte, und in den Mund steckten und sich bekreuzigten. Es musste sich dabei um das Antidoron handeln, dachte ich zunächst. Gesegnetes, aber nicht konsekriertes Brot, der nicht sakramentale Leib Christi. Allerdings lag ich falsch, es handelte sich um das das sog. Panagia, dass zu Ehren der Gottesmutter gereicht wird, wie ich später nachlas. Für jeden Veterinärbeamten muss das Ritual eine wahrhaft grauenhafte Vorstellung sein.

Danach gab es nicht mehr viel zu tun. Es wurde dunkel und wir legten uns schlafen. Schon im Halbschlaf, standen plötzlich die beiden Polizisten im Raum, und ein Mitarbeiter des klostereigenen Ladens, in dem Heiligenbilder, Ikonen, Schnitzereien und von den Mönchen hergestellte Halsketten und Armbänder verkauft wurden, kündigte an, jemand habe am Nachmittag eine Ikone gestohlen oder zumindest vergessen zu bezahlen. Wenn diese nicht zurückgebracht, nachträglich bezahlt oder wenigstens derart irgendwo abgelegt würde, dass sie von ihnen gefunden werden konnte, würden am nächsten Tag alle Rucksäcke durchsucht, bevor jemand das Kloster verlassen dürfe. Ehe wir uns versahen, schloss sich die Tür wieder. Auf eine Art passte dieser sonderbare, spätabendliche Besuch gut zu den vielen wundersamen Vorkommnissen des Tages und ich fiel schnell in einen tiefen Schlaf. Zur Kontrolle der Rucksäcke kam es am nächsten Morgen nicht. Wahrscheinlich hatte sich einer der Gläubigen daran erinnert, dass Gott alles sieht und die Ikone zurück gebracht.

Am nächsten Tag auf meiner Wanderung durch die Wüste hörte ich die Worte des Fisches in der Kirche der Megisti Lavra noch einmal. Hoch oben über der Ägäis wanderte ich einen steinigen Pfad unter uralten Steineichen und Kastanien entlang. Wenn sich das Dickicht einmal lichtete, ragte über mir in strahlendem Weiß der Gipfel des Athos in den Himmel. Es war keine Wolke zu sehen, die Herbstluft war kühl und das Meer glitzerte tiefblau unter mir. Nun war es jedoch Hope Harris, die die Zeilen sang: „My name is hope, yo! I am blessed with the body of goddesses. Have you any idea how hard this is?“ Ich nahm es mit einem Schulterzucken.

Am Hang des Athos – eine Wanderung durch die Wüste und Begegnung mit einem Heiligen

Der Weg stieg beinahe den ganzen Tag in die Höhe, hier und da fand ich einen Wegweiser. Am Wegrand standen vereinzelte wilde Blumen, deren Blüten in weiß und einem zarten Rosa im Licht leuchteten. Zuweilen war der Boden fast vollständig mit den weichen, einst stachligen Hüllen von Kastanien übersät und man ging darüber wie auf Watte. Waren es Bucheckern oder Eicheln? Sie lagen überall verstreut, und einmal probierte ich eine davon. Sie schmeckten bitter, aber darunter kam ein herrlich nussiger Geschmack zum Vorschein. Irgendwo in meinem Rucksack muss noch eine solche Frucht oder Nuss liegen, ich wollte sie mit nach Hause nehmen, um meinen Großvater zu fragen, zu welchem Baum sie wohl gehört. Es ist schon eine Schande, das ich kaum einen Baum oder eine Blume benennen kann, und auch bei der Beschreibung der fantastischen Landschaft, die mich umgab, ist das mehr als hinderlich. (Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich übrigens immer noch nicht klüger, denn ich bin noch nicht wieder zuhause angekommen.) Ich kam an einem steinernen Becken vorbei, in dem sich das Bergwasser sammelte und das man bedenkenlos trinken konnte. Einmal passierte ich eine Zisterne und immer wieder verliefen einzelne Wasserleitungen parallel zum Weg. Sonst keine Spur von Menschen. Immer wieder einmal sah ich mich um, ob Heinz und Lukas auftauchten, doch keine Spur von ihnen. Ich war etwas früher aufgebrochen, sie hatten dasselbe Ziel ausgemacht, die Skete der heiligen Anne. Ich musste bei meiner Reservierung dort im Übrigen Glück gehabt haben, schon beim zweiten Anruf bekam ich den Gastvater ans Telefon und meldete mich an. Heinz hatte vergeblich angerufen und schließlich – wie schon damals bei seinen ersten Besuchen auf dem heiligen Berg – einen Brief geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten. Sie hofften, der Brief wäre angekommen und sie würden nach der langen Wanderung einen Schlafplatz bekommen.

Nachdem der Pfad den ganzen Tag langsam und stetig angestiegen war, ging es plötzlich in steilen Serpentinen bergab. Ein großer Teil des Weges verlief durch ein jetzt im Herbst ausgetrocknetes Flussbett. Auf halben Weg öffnete sich der Wald plötzlich, und in den Fels verankert stand ein großes, hölzernes Kreuz. Ich konnte aus großer Höhe mein Ziel sehen, die Kirche und die am Hang stehenden Häuser der Skete und auch den kleinen Hafen der Siedlung. Das Schnellboot von Ouranopoli zog gerade eine schäumend weiße Linie durch das tiefe Blau. Der Anblick war überwältigend. Steile, felsige Berghänge zuoberst, dann das tiefe Grün der sich seit tausend Jahren selbst überlassenen Natur. Die Kreuzkuppelkirche aus hellem Stein ragte hervor und man sah den großen, steinernen Balkon, von dem man einen überwältigenden Blick auf das Meer haben musste und die mit schweren Steinziegeln gedeckten Dächer des Gästehauses daneben. Man konnte vereinzelt die schmalen Wege zwischen den Häusern ausmachen, und noch weiter unten sah man die auf Terrassen angelegten, in Reih und Glied stehenden Olivenbäume. Man konnte Zitronen-, Orangenbäume und Walnussbäume erahnen. Jedes Luxusresort auf der Welt musste die Skete für diese überwältigende, atemberaubende Lage und die Kulisse beneiden, und könnte das Land hier mit allem Geld der Welt kaufen gekauft werden, würden hier sicher längst die Reichsten der Reichen Ihren Urlaub verbringen.

Hier war es auch, als unvermittelt Nikolaus neben mir stand und auf die Skete zeigte und begann, mir in einer kaum zu bändigenden Wortfolge von der Siedlung und dem Athos zu erzählen und allerlei Fragen zu stellen. Als er erfuhr, dass ich aus Deutschland käme, mischte er den griechischen und englischen noch einige deutsche Worte hinzu. Er war in diesem Jahr sechzig Jahre alt geworden und hatte einmal in Düsseldorf und Köln gearbeitet, vor beinahe vierzig Jahren, in einem Blumenladen. (Gefühlt haben fast alle Leute, die wir in Albanien und Griechenland getroffen haben und die nur einige Worte oder auch fließend Deutsch sprachen, einmal in Deutschland gearbeitet, und fast ausnahmslos war es in Düsseldorf gewesen.) Aus Achen und den Niederlanden hatte er die Blumen in einem alten Mercedes-Transporter herbei gefahren, und das alte Radio sei von der Firma Becker gefertigt gewesen. „Very strong Radio – Becker!“ sagte er immer wieder, auf meinen Nachnahmen anspielend. Er war einer jener Männer, denen das fortgeschrittene Alter kaum einen Deut ihrer ursprünglichen, jugendlichen Kraft geraubt hatte. Gleich fragte er mich, woher ich gekommen sei und wollte wissen, ob an einer Stelle auf halbem Wege, von der ich nicht deuten konnte, welche er meinte, der Bach über sein Ufer träte? Im Frühling wäre das Wasser dort reißend. Kaum hatte er mich gefragt, ob wir den Rest des Weges gemeinsam zurücklegen würden, er kenne einen der Mönche in der Skete und dort würden wir Raki bekommen, da war er schon los gelaufen. Also schulterte ich schnell meinen schwer gewordenen Rucksack und hastete ihm hinterher. Er war ein Quell von überbordender Energie, und ständig in Bewegung. Mal hob er einen Stein auf und beschwerte sich über den Pfad, der vom Wasser ausgespült und nicht wieder befestigt worden war, dann warf er ihn fort und stampfte auf die Stufen, um seinen Punkt zu verdeutlichen. Immer wieder sagte er „Monopáti!“ und erklärte mir sämtliche Wege zwischen den Klöstern, sprach von einer Hütte auf einem Berg in Zentralgriechenland, von der Zubereitung von Kartoffeln, von seinem Sohn, der in London arbeitete, dann wieder fand er einige Sträucher am Rande des Weges und ließ sie mehrfach durch die Hände laufen, um dann daran zu riechen und rief aus „Ároma!„, während er tief die Luft durch die Nase einsog.  Er erklärte mir, er würde seit 40 Jahren auf den Berg kommen, meist mehrere Male im Jahr und beschrieb mir jede Veränderung des Weges im Laufe der Jahrzehnte. Dabei kritzelte er mit seinem Stock Worte und Zahlen in den Boden. Das Problem daran war, dass seine ununterbrochenen Wortfolgen zum größten Teil aus griechischen Worten bestanden und nur jedes zehnte Wort ein deutsches oder englisches war. Immer wieder fragte er mich dann „Do you understand, Becker?“ (Mit meinem Vornamen tat er sich schwer und irgendwann gab ich es auf.) Zwar verstand ich wenig, aber eigentlich war das kein Problem. Wir redeten einfach weiter und erzählten uns verschiedenste Dinge und Begebenheiten, wobei Nikolaus den weitaus größeren Teil davon sprach, während ich versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Einmal rutschte er aus und fiel halb auf die Knie, halb auf den Hosenboden und blieb so eine Weile ohne eine Regung in dieser verdrehten Position sitzen. Ich eilte herbei und fragte, ob alles in Ordnung wäre und machte mir ein wenig Sorgen, doch dann stand er unvermittelt auf, schimpfte über den Weg – „Monopáti, pah!“ – und stapfte weiter. In der Skete angekommen, führte er uns sogleich zu seinem Freund, noch einmal zehn Minuten steile Stufen hinauf. Ich war eigentlich bedient von der langen Wanderung, aber ich hatte keine andere Wahl. Zu allem Überfluss war sein Freund nicht da, aber davon ließ sich Nikolaus nicht aufhalten. Ein weiterer Mönch ließ uns schließlich ein wenig skeptisch ein und so kamen wir auf der Terrasse des Hauses mit atemberaubendem Blick über die steilen Hänge und die Ägäis in den zweifachen Genuss des obligatorischen Rakis, von griechischem Kaffee und der klebrigen Süßigkeit.

Die Skete der heiligen Anne – von Wundern & Erlösung

Eigentlich musste ich mich von nun an um nichts mehr kümmern, Nikolaus hatte das Kommando übernommen. (Wenn ich es richtig verstanden hatte, war er einst bei der Armee, nun aber pensioniert.) Er zeigte mich umher, seinen neuen Freund aus Deutschland, führte mich über die engen Pfade der Siedlung, zeigte mir eine schmale Höhle, in der einst ein Einsiedler gelebt hatte, erklärte mir die steinerne, längst nicht mehr in Gebrauch befindliche Vorrichtung zum Pressen von Oliven, die wir am Wegesrand gefunden hatten und deutete auf die schweren, dunklen Dachbalken eines Unterstands, den wir fanden. Die Balken seien aus Kastanienholz und würden das Dach noch eine Ewigkeit tragen. Er war es auch, der mich, zurück auf dem großen, steinernen Balkon zwischen Kirche und Gasthaus der Skete, in den kleinen Laden drängte. Ich musste unbedingt eine Halskette und ein Armband kaufen, um es von einem Priester segnen zu lassen. Dazu erzählte er mir allerlei wundersame Geschichten über die Kräfte des Heiligen, deren Inhalt ich nur erahnen konnte, und schob mich in die Kirche und in die Arme des Priesters. Ich bekreuzigte mich etwas ratlos, verbeugte mich und übergab Armband und Halskette. Der Priester bemerkte wohl meine Unbeholfenheit und fragte Nikolaus etwas, der nur kurz antwortete, ich sei aus Deutschland und „Katholik.“ Ich beließ es dabei. Dann murmelte der Priester etwas, öffnete eine große Schatulle, zeichnete mit meinen neu erworbenen Schmuckstücken drei Kreuze in die Luft und berührte die blecherne Vorrichtung mehrfach an einer Stelle, an der eine Art Luftschlitze eingelassen waren. Offenbar befand sich in der Schatulle eine wichtige Reliquie, mit übernatürlichen Kräften. Als ich mich bei Nikolaus für die von ihm initiierte Segnung der Glücksbringer bedanken wollte, lachte er nur und schüttelte mit dem Kopf, als hätte ich etwas Unerhörtes gesagt. Scheinbar wollte er mit der Ehre nichts zu tun haben, schließlich hätte ich die Segnung von einem Priester erhalten und sein bescheidenes, weltliches Licht hätte keinen Dank verdient.

Als wir wieder nach draußen traten, kam gerade Lukas an, allerdings ohne seinen Großvater. Heinz war schon über siebzig und schon ich hatte den Abstieg als strapaziös empfunden. Das Knie seines Großvaters hätte begonnen, Probleme zu machen, und er war mitsamt einer Kopie des Briefes vorgeschickt worden, um den Platz für die Nacht zu sichern. Außer mir und Lukas mit dem Brief in der Hand schien aber niemand eine Reservierung zu haben, weder Nikolaus, der mehrfach auf mich zeigte, noch eine Gruppe von drei jungen Russen – Artiom, Jewgeny und Dimitri – die dem Gastvater aufgeregt von ihrem Freund Grigori erzählten, der angeblich die Reservierung arrangiert hätte. Zunächst ließ sie der Gastvater wissen, dass kein Platz mehr sei, aber als sie nicht locker ließen, endeten wir schließlich allesamt in einem Achtbettzimmer, Heinz und Lukas, die inzwischen gemeinsam angekommen waren, Artiom in Armeekluft, Jewgeny in russischem Trainingsanzug und Dimitri, der anders war als seine Begleiter, Nikolaus und ich. Dimitri kam aus Moskau und ich fand ihn später für Stunden lesend im Vorzimmer, die anderen beiden kamen aus einer Kleinstadt westlich von Moskau und sie wollten am nächsten Tag auf den Gipfel des Athos steigen. In der Gesellschaft von Lukas und Heinz konnte ich auch für einige Momente der Fürsorge von Nikolaus entfliehen und war froh über diese Atempausen. Am Abend gab es Fisch in Nudeln und einem öligen Pesto aus Tomaten. Wer mich kennt, der weiß, das mir Fisch noch schlechter bekommt als Oliven, und nachdem ich einen Teil des Tellers, den ich mir vorschnell genommen hatte, heruntergewürgt hatte, erlöste mich Lukas, der vierzehnjährige Österreicher, in dem er mir den Teller abnahm und den Rest vertilgte. Sie Sonne versank hinter den Bergen im Westen und wir gingen schlafen.

Ich war gefühlt gerade erst eingeschlafen, da rüttelte Nikolaus schon an meiner Schulter. „Becker, come, church!“ Zuerst antwortete ich mit einem verschlafenen „Yes, yes.“ und Nikolaus verschwand im Bad, als ich aber immer noch nicht aufgestanden war, als er zurückkam, rüttelte er mich wieder wach: „Church, Kirche!“ Ich grummelte nur einige verschlafene Töne. Mein Bedarf an Gottesdiensten war nach zwei Tagen gedeckt und ich war hundemüde. Schließlich jedenfalls ließ Nikolaus von mir ab und ich hoffte, ich hätte ihn nicht gekränkt, indem ich den Gottesdienst schwänzte. Kurz darauf war er aber selbst schon wieder da und legte sich auch wieder ins Bett, worüber ich mich wunderte.

Ich lag wach und dachte nach. So aufregend die vielen Erfahrungen auf Athos waren, so ist mir der heilige Berg doch auch suspekt geblieben. Die strengen Regeln – die Mönchsrepublik dürfen bis zum heutigen Tage keine Frauen betreten, nicht einmal weibliche Tiere sind erlaubt, man sitzt nicht mit gekreuzten Beinen und vieles mehr – und der bis ins Extrem betriebene Dienst an Gott sind mir unverständlich geblieben. Dabei hatte ich wohl versucht, mich in das Leben auf dem heiligen Berg einzufühlen und einen Sinn darin zu finden. Den Wunsch nach Zurückgezogenheit konnte ich ja noch gut verstehen. So könnte man schließlich unabgelenkt von weltlichen Belangen beinahe unendlich viel Zeit damit verbringen, Bücher zu lesen, zu studieren, Sprachen zu erlernen, die Geschichte zu erforschen und Rätsel zu lösen, die bisher im Verborgenen lagen. Man könnte die Sterne erforschen, Physik und Chemie lernen, Daten von Teilchenbeschleunigern auswerten, die Entstehung von Krankheiten verstehen und Therapien entwickeln oder versuchen, die faszinierende Funktionsweise unseres Gehirns zu entschlüsseln. Was könnten diese Männer mit der vielen Zeit, die sie in der Kirche verbringen und die immer gleichen Verse zitieren, nicht alles Sinnvolleres anfangen? Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf – nicht sonderlich hochtrabend, fürwahr.

Flucht von Athos – über das tosende Meer und über Freundschaft

Schließlich war es an der Zeit aufzustehen. Der letzte Vormittag war angebrochen. Von der Skete der heiligen Anne würde ich mit dem Schiff wieder in Richtung Ouranoupoli aufbrechen. Nikolaus hatte mir mein verschlafenes Fernbleiben vom Gottesdienst offenbar nicht übel genommen und piekte mir nach dem Frühstück gleich wieder in die Seite und mahnte zum Aufbruch. (Wieder gab es Brot, an dem man sich beinahe die Zähne ausgebissen hätte und einen griechischen Kaffee dazu, sonst nichts. Sehr spartanisch!) Zum Glück kamen wir auf dem Weg zum Hafen, wir mussten noch etwa eine Stunde den Hang hinab steigen, an zahlreichen Obstbäumen vorbei: Zitronen, sogar Mandarinen wuchsen da und wir pflückten mit einem eisernen Haken, der an einem Ast hing, Äpfel und Orangen. Nikolaus ritzte mit den Fingernägeln in der ihm eigenen Geschäftigkeit die Schale einer Zitrone auf und forderte mich auf, daran zu riechen. Und tatsächlich, diese Zitronen dufteten fantastisch, kein Vergleich zu jenen in Deutschland im Supermarkt erhältlichen Exemplaren. Meine Begeisterung darüber stimmte ihn froh.

Obwohl das Wetter nicht schlecht war, die Sonne schien und nur ein leichter Wind wehte, war das Meer aufgebracht, hohe Wellen brachen sich tosend am Kai des kleinen Hafens und überschwemmten den Betonsteg. Es war unklar, ob das Boot würde anlegen können, und mir wurde ganz mulmig zumute. Nach den aufregenden und ereignisreichen Tagen auf Athos wollte ich unbedingt zurück in die vertraute, in die normale Welt. Noch eine Nacht hier – große Freude kam nicht auf bei dem Gedanken. Schließlich näherte sich das Boot, unter aufgeregten Rufen des Hafenaufsehers brachten wir uns in Position. Es würde kaum Zeit bleiben, um an Bord zu gehen. Immer wieder überschwemmten Wellen den Steg und unsere Füße wurden bis zu den Knöcheln mit Wasser umspült. Die Fähre würde nicht ordnungsgemäß anlegen können, vorsichtig navigierte sie mit dem Bug voran in Richtung des Betonstegs. Dann wurde die Laderampe herunter gelassen und neue Besucher auf dem Berg Athos stürmten von Bord, während wir zur gleichen Zeit versuchten, über die Lücke zwischen Laderampe und Steg auf das Boot zu springen. All das ging ziemlich ungeordnet vonstatten und unter hektischen Rufen und Kommandos. Es war witzig mit anzusehen, wie die Mönche, die sich sonst nur bedacht bewegten, in ihren langen Kutten aufgeregt hin und her sprangen. Auch einen kleinen Hubwagen mit Säcken von Kaffee und Rucksäcken hieften die Arbeiter kurzerhand hinüber. In all dem Trubel vergaß ich Lukas und Heinz, doch mithilfe von Lukas hatte auch Heinz es unbeschadet auf das Boot geschafft, obwohl sein Knie keinen Halt mehr bot. Wir lachten laut und freuten uns, an Bord zu sein. Für mich war die Aufregung ein großer Spaß, und auch Nikolaus hatte den mutigen Sprung an Bord offensichtlich genossen. So standen wir noch eine Weile an Deck und beobachteten von dort aus die in den Fels geschlagenen Hütten der Einsiedler. Athos ist eine geheimnisvolle, wundersame Welt.

Aufgrund des starken Wellengangs hatte die Fähre jedoch große Verspätung und wir kamen in Daphni gerade noch rechtzeitig an, um die größere Fähre zurück nach Ouranopoli zu erreichen. Aber keiner von uns hatte im Voraus ein Ticket gelöst, und am einzigen Schalter stand eine große Schlange. Wieder wurde mir ganz bange zumute und ich kämpfte mich in der Schlange nach vorne, immer wieder nervös zur großen Fähre schauend, wo die Schlange der Zusteigenden immer kürzer wurde, bis schließlich niemand mehr anstand. Ich wartete darauf, dass die Fähre jeden Moment ohne uns los fahren würde, doch auch diesmal gab es Rettung. Von der Seite rief plötzlich wieder Nikolaus: „Becker, you need ticket?“ und ich antwortete ihm sinngemäß: „Gleich drei!“ Schon hatte er einen weiteren Bekannten ausgemacht, der ganz vorne in der wogenden Schlange stand und rief ihm befehlsgewohnt zu, er solle drei weitere Tickets mitbringen, und wir rannten zur Fähre, gerade rechtzeitig. Ohne Nikolaus Hilfe hätten wir doof aus der Röhre geschaut.

An Deck lachte Heinz und sagte noch: „Gut, wenn man solche Freunde hat, auch wenn man sie nicht versteht!“ In Ouranopoli umarmten und verabschiedeten wir uns schließlich und winkten uns noch aus der Ferne.

Griechenland lag vor mir.

¹ Wie man auf den heiligen Berg Athos kommt: eine Anleitung

  • Zunächst muss man im Holy Executive of the Holy Mount Athos Pilgrims Office in Thessaloniki. eine Reservierung machen, maximal 6 Monate im Voraus. In den Sommermonaten ist jedoch  genau das zuweilen notwendig. Dort bekommt man auch gesagt, ob der Wunschtermin möglich ist bzw. wann der nächstmögliche Termin für einen Besuch ist. Am besten ruft man an unter +30 2310 252578 oder sendet eine Email an athosreservation@gmail.com
  • Mit einem Ausdruck der Bestätigung geht man dann am Tag der Anreise frühmorgens in das Pilgerbüro in Ouranopolis, zahlt dort als nicht-orthodoxer Mensch 30€ und erhält sein Diamonitirion, die Aufenthaltsgenehmigung.
  • Am besten hat man schon eine Woche zuvor einen Platz auf der Fähre reserviert, Abfahrtszeiten und Telefonnummer findet man hier. Ich musste kurz vor Abfahrt am Ticketschalter in der Nähe des Hafens warten, nachdem man mich früher am Morgen auf eine Warteliste geschrieben hatte und auf den Aufruf meines Namens hoffen.
  • Als nächstes sollte man seine Route planen. Sehr hilfreich dafür ist eine Übersicht mit den Wanderrouten, Gehzeiten und GPX-Dateien, die die Freunde des Berges Athos auf Ihrer Webseite veröffentlicht haben. Sie sind gold wert. Ich habe die App OSMAND genutzt, eine fantastische Hilfe nicht nur hier auf Athos, auf der man zunächst die entsprechenden Landkarten herunterlädt und dann die GPS-Wegpunkte in Form der GPX-Dateien lädt. So ist man auch offline immer auf dem richtigen Weg. Zwischen den großen Klöstern und der Hauptstadt Karyes fahren Minibusse, in die man einfach vor Ort einsteigt und die Kosten mit den anderen Pilgern teilt.
  • Dann fehlen nur noch die Unterkünfte. Eine Aufnahme im Kloster ist keinesfalls sicher und man sollte unbedingt vorher reservieren. Auch hierfür stellten die Freunde des Berg Athos alle verfügbaren Informationen und Telefonnummern bereit. Einige Kloster empfangen inzwischen sogar schon Emails!

² vgl. Tocotronic – 17, ein wunderbares, anmutiges Lied.

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