Aufbruch und Auflösung

Seoul, Korea, 37°34′N 126°58′E

Young-Jun Minh war einer der erfolgreichsten Geschäftsleute Seouls. Seine Kindheit verbrachte er in einfachen Verhältnissen in Hongdae – einstmals ein gewöhnliches Arbeiterviertel mit engen, schmutzigen Gassen inmitten der Metropole am großen Han-Fluss, der unbekümmert des steten Treibens ruhig dahinfließt, tagein und tagaus. Im Herbst – der Zeit der Taifune – wird der Fluss zuweilen aufbrausend, und im Frühjahr, gespeist vom Schmelzwasser seiner vielen Zuflüsse, schwillt er an und zieht dann bedrohlich dahin. Young-Jun Minh hatte es im Angesicht des Flusses innerhalb weniger Jahre zu beachtlichem Reichtum gebracht. Dabei schien er bei allen Dingen, die er versuchte, immer eine glückliche Hand zu haben und im rechten Moment zu handeln.

Über Suk Mi Xiu war wenig bekannt. Man wusste, dass er von weit her kam, vermutlich aus Europa. Seinen Namen hatte er selbst gewählt und nach einiger Zeit in Asien angenommen. Er war von hagerer Gestalt, trug zerzauste Haare und seinen spärlich wachsenden Bart schnitt er nur selten. Er beherrschte die koreanische Sprache auch nach einiger Zeit kaum, und oft vergingen kurze Momente, bevor er auf eine Frage antwortete oder, mit offenem Blick, nur kurz lächelte und dann nickte oder den Kopf schüttelte. Das Bemerkenswerte an seiner Erscheinung war eine fein gezeichnete Siegesrose, die hinter dem rechten Ohr hinab seinen Hals zierte, und an heißen Sommertagen fand man entlang der angedeuteten Linien der Rippen in blasser Tinte das Wort ‚Saeglopur‘ unter seinem Herzen geschrieben.

In einer kleinen, ansteigenden Gasse Hongdaes lag ein kleiner, spärlich beleuchteter Buchladen im Erdgeschoss eines alten Hauses. Von den Treppen vor dem Eingang reichte der Blick die Straße hinunter über die Dächer der tiefer gelegenen Häuser. Die zwischen den Giebeln gespannten Stromkabel zeichneten ungeordnete Linien in den Abendhimmel, der sich bei Sonnenuntergang erst gelb und dann tiefrot färbte.

In dieser Buchhandlung mietete Suk Mi Xiu einen kleinen Raum im hinteren Bereich des Hauses und zahlte die Miete für ein ganzes Jahr im Voraus. Es war der 10. Mai 1988. Das ältere Ehepaar, dem der Buchladen gehörte, erließ ihm einen Teil der Miete. Im Gegenzug half Suk Mi Ihnen im Haus, trug schwere Lieferungen hinein und ordnete die Bücher in die oberen Regale nach den Anweisungen des Buchhändlers.

Oft fand man Suk Mi Xiu in den Abendstunden auf der Treppe sitzend und zeichnend. Die kleinen Hefte, die eine Geschichte erzählten, wenn man die Seiten durch die Finger laufen ließ, verschenkte er zuweilen an die Kinder der Straße, die oft um ihn herum saßen und ihm zusahen, wie er neue Geschichten erfand. Dabei war er so abwesend, dass er sie kaum zu bemerken schien.

Eine besondere Geschichte Suk Mi’s erzählte von einem Jungen aus Seoul. Er lief aus dem Stand leichtfüßig eine Straße hinab der untergehenden Sonne entgegen, um dann plötzlich und unerwartet abzubiegen und hinter einer Straßenecke zu verschwinden. Dabei ließ er das Licht der Abendsonne einer Mahnung gleich einsam auf den gepflasterten Steinen zurück.

Den meisten Bewohnern des Viertels blieb Suk Mi geheimnisvoll, trotzdem er beinahe drei Jahre bleiben sollte. Am 28.04.1991 verschwand Suk Mi so spurlos und unangekündigt, wie er aufgetaucht war. Man wunderte sich noch eine Weile, konnte aber nicht herausfinden, wohin er gegangen war. Die Kinder trauerten noch lange um Ihren geheimnisvollen Freund.

Viele Jahre später fanden Bauarbeiter bei Renovierungsarbeiten in einem zugemauerten Luftschacht im hinteren Bereich der Buchhandlung in Hongdae ein in Stoff gewickeltes Bündel staubiger Bilder. Das Ehepaar war innerhalb weniger Monate nacheinander gestorben und hatte keine Kinder zurückgelassen. Die Buchhandlung wurde verkauft. Die Bauarbeiter trugen die Bilder zu Ihrem Vorarbeiter Park. Park nahm sie an sich und zeigte sie am Abend seinem alten Freund Young-Jun Minh, der das Haus samt der Buchhandlung und der darüber liegenden Wohnungen einige Wochen zuvor gekauft hatte.

Young-Jun Minh brauchte keine zwei Sekunden, um zu begreifen, von wem die Bilder stammten. Sie zeigten fein gezeichnete, verworrene Szenen aus den Wäldern Koreas, voller Anmut zuweilen und Hoffnung, dann wieder düster, beängstigend und unheimlich. Einst hatte ihm jemand beigebracht, in den Farben des Waldes seien die Emotionen der Menschen geschrieben. Jede Farbe bedeute ein Gefühl und alle Farben könnten gefunden werden entlang dem immer gleichen Lauf der Jahreszeiten. Eine Farbe jedoch unterscheide sich von allen anderen. Im Weiß seien alle Farben, und nur im Weiß des Winters sei das tiefgreifendste und beängstigendste menschliche Gefühl verborgen, aus dem alle anderen Farben hervorgingen: die Einsamkeit.

Es war Suk Mi Xiu gewesen, der dem jungen Young-Jun Minh die Geschichte des unbedarften und vom Glück verfolgten Jungen vor langer Zeit zu seinem sechsten Geburtstag geschenkt hatte. Es war der 18.12.1989, ein klarer und kalter Wintertag vor beinahe 25 Jahren. Eine leichte Schneedecke lag über den Straßen und Hausdächern und dämpfte alle Geräusche. Young-Jun Minh hatte das kleine Heft seitdem aufbewahrt und immer wieder hervor geholt, um die Seiten durchzublättern, die davon mehr als 20 Jahre später ganz abgegriffen waren.

In der darauffolgenden Nacht änderte Young-Jun Minh seine Pläne. An einem 15. August eröffnete er schließlich eine Galerie in den Räumen der alten Buchhandlung, um die Bilder Suk Mi Xius auszustellen. Bis heute kann man sie dort besichtigen, tief verborgen in einer kleinen, ansteigenden Gasse im östlichen Teil Hongdaes.

Im ersten Jahrzent des 20. Jahrhunderts verfasste ein österreichischer Schriftsteller am Rande von Paris die ‚Spuren der Verirrten‘. Darin finden sich die folgenden Zeilen:

Als mir die Stimme brach,
im Unglück, wie auch im Glück,
das waren noch Zeiten,
das war die Zeit.

Niemand weiß, ob Suk Mi diese Zeilen jemals lesen würde. Aber er hatte sie gezeichnet, in seinen Bildern.

 

Epilog

Gezeichnet war das Bündel mit

‚F.R. 1988 – 1991‘

Einige Jahre später übersetzte eine junge isländische Reisende, die sich zufällig in die kleine Gasse in Hongdae verirrt hatte, jenes Wort auf der Tafel, auf die man den Titel der Austellung graviert hatte. Seitdem steht dort mit schwarzem Stift an die Wand geschrieben: ‚Lost at Sea.‘

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