Aufzeichnung meiner Ankunft in Korea

Von den folgenden Sätzen entspricht kein Wort der Wahrheit.

Im Morgengrauen des 3. Oktober 1982 ratterte ein Auto über das Kopfsteinpflaster der Mainzer Straße im Stadtteil Friedrichshain, einem gemeinen Arbeiterviertel im Osten Berlins. Vereinzelte Passanten gingen geduckt vor der Kälte des nahenden Winters und zuckten unmerklich zusammen, als das Gefährt an Ihnen vorüberzog. Die Wärme der Heizung kroch erst allmählich unter den Mantel und in die Glieder des Fahrers, als dieser um eine Ecke in die Boxhagener Straße einbog und sich eine Zigarette anzündete, deren Qualm sich unmittelbar ausbreitete und die Scheiben beschlug. Unterdessen hoben sich die weißen Konturen der Reihenhäuser eines kleinen Ortes im fernen Korea sanft von den üppigen grünen Hügeln ab wie beinahe jeden Tag in den vergangenen 9 Jahren. Beobachten konnte man all das aus einem Zug heraus, der seinen gewundenen Weg durch die bergige Weite in Richtung der Küste suchte und dessen aus dem Innern dringendes Leuchten die Abenddämmerung erhellte.

 

Ich trat die Reise geplagt von Halsschmerzen und Fieber an, die ich mir in diesen ersten kalten Vorwintertagen kurz vor meiner Abreise eingefangen hatte. Die trockene Luft im Innern des Flugzeugs und die langen Stunden unterwegs taten ihr übriges.

Angekommen in Seoul schleppte ich mich mit den verbliebenen Kräften in einen Park im nordwestlichen Teil der Stadt jenseits des Han-Flusses. Es war ein sonniger Tag und ich fiel in einen tiefen Schlaf. Als ich aufwachte, fand‘ ich mich inmitten mit geschwundenen Schwertern kämpfenden Kriegern wieder und eine vornehme Dame hieß mich höflichst willkommen, nur um im nächsten Moment unbemerkt wieder zu verschwinden.

Ich sah mich um, noch immer ein wenig schüchtern. Niemand schien mich zu beachten.

Wenig später traf ich Patty an einer Straßenecke. Sie kam zufällig vorrüber und war vor vier Jahren der Ausweglosigkeit der Vereinigten Staaten geflohen. In Korea versuchte sie sich als Lehrerin und Übersetzerin über Wasser zu halten. Ich folgte ihr in ein kleines Restaurant, gepackt mit betrunkenen Einheimischen und scharfem Essen. Während es draußen dunkel wurde, beobachtete ich alles durch dämmrige Augen. Wir wechselten den Tisch und fielen ein in das Trinkgelage. Sie übersetzte, wir spuckten Nußschalen auf den Boden, Rauch stieg auf, Soju floß und wir versuchten, die Spielkarten zu zinken, bis ich irgendwann gestikulierend kopfüber auf den Tisch stürzte und zwei der Falschspieler mit zu Boden riß.

Später fiel ich sofort in einen tiefen Schlaf, nachdem mir Patty einen Platz auf dem Boden ihrer kleinen, dunklen Einraumwohnung im Keller eines Backsteingebäudes nicht weit des Parks freigeräumt hatte. Dort würde ich vorerst sicher sein. Zwölf Stunden später wagte ich noch immer benommen erste Schritte in hellem Licht durch den Moloch, durch Seoul, in dem ich mich von einer Sekunde auf die andere wiedergefunden hatte.

Es sollte jedoch bis zum Morgen des 5. Oktober dauern, bevor Seoul endgültig die Bühne betrat. Während ich einen Hügel emporstieg, zeichneten einige Häuser einen klaren Kontrast in die grünen Hügel der Stadt. Doch erst als ich den Gipfel erreichte, sollte ich eine klare Idee davon bekommen, was es bedeuten mochte, verloren zu sein in unermesslichem Raum.

 

And so I collapsed into the crowd.

Noch immer durch die unendlichen Straßen der Stadt irrend bei Anbruch der Nacht, zogen mich laute ‚Hongdae, Hongdae!‘ – Rufe an, denen ich unauffällig folgte.

Hier war ich also, ein unsichtbarer Beobachter noch, und das waren die Geschehnisse des 3. Oktober 1982. Von Norden näherte sich ein Tiefdruckgebiet, das Deutschland in den folgenden Tagen die frühesten Schneefälle seit Beginn der Wetteraufzeichnungen bringen sollte. Bis heute fiel der Schnee nie früher als in diesem Jahr.

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