Als Paar auf Abwegen – die schlimmste Wanderung unseres Lebens

Cairngorms Nationalpark, Schottland, 57° 7′ 0 ″ N , 3° 35′ 0″ W

Manche Dinge muss man tun, um sie getan zu haben. Würde Kai diese Geschichte erzählen, dann würde er sagen, dass es genau darum geht, bei diesen Erfahrungen. Danach fühle man sich lebendig und großartig, es seien die besten Geschichten. Jene, an die wir uns erinnern und die wir am liebsten zum Besten geben. Von Durchschnitt erzähle keiner. Nun geht dieses Erlebnis jedoch durch meine Hände und ich lebe weniger für den Ruhm und die Erzählung. Ich lebe für das Leben.

Beginnen wir also mit einer Wahrheit. Oft fragen uns die Menschen, wie es geht, dieses Leben auf engem Raum, mit der immer gleichen Person vor der Nase. Ich glaube, es lebt von den Unterschieden, die in der Summe auf einen gleichen Horizont hinauslaufen. Am Ende des Tages, das ist die Kunst, stehen wir als Team stärker da und wissen es. Sehen in den Augen des anderen die Version unserer selbst, die wir sein möchten. Auch wenn auf dem Weg dorthin schon mal die Steine rollen. So wie an jenem 23.08.2017, als wir uns Abends in den Armen lagen und darüber freuten, noch an einem Stück und am Leben zu sein.

Als wir zur schlimmsten Wanderung unseres Lebens aufbrachen

Alles begann mit dem Wunsch nach einer Wanderung. Während Kai unter freiem Himmel ein hervorragender Navigator ist, schlage ich ihn bei der Orientierung im Web, wenn es um notwendige Recherchen geht. Aus Gründen, die uns mittlerweile entfallen sind, war es trotzdem er, der enthusiastisch auf die Suche nach einer Wanderung für unseren letzten Nationalpark in Schottland ging. Der Cairngorms National Park –  auf gällisch Üghdarras Pàirc Nàiseanta a‘ Mhonaidh Ruaid –  ist der größte der fünfzehn Nationalparks des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland. Flächenmäßig beträgt er 3.800 km², viel Platz für zwei Reisende mit der Lust etwas zu entdecken. „Ich weiß, was wir morgen machen! Der Track ist perfekt: um den See, vorbei an einer Ruine, dann hoch auf den Berg, entlang des Kamms und an der anderen Seite wieder runter“, tönte es unter der Lichterkette des Vans auf dem Schulparkplatz, der unser Nachtlager darstellte.

Ich stellte die Entscheidung nicht so sehr in frage, weil man manche Dinge eben besser nicht so sehr in Frage stellt und nickte bloß in der Hoffnung, dass dieser Online-Fund uns nicht in irgendeinen Abgrund führen würde, auf dem Kai dann übermütig tanzen, während mein Kopf den Notfall-Modus abspielen würde (heißt: so ruhig erlebt man mich wirklich nur in Krisensituationen). Der Tag sollte mich lehren, dass auch Kais Abenteuerdurst irgendwann versiegt.

Fast erholt nach einer Nacht im hellen Schimmer der Parkplatzbeleuchtung kamen wir Vormittags am Ausgangsort an. Ein Rühreifrühstück am Bus sollte unsere Kraftreserven bündeln, so dass wir dann beladen wie ein reicher Europäer (Kai mit Fotorucksack und Drohne) und sein Sherpa (ich mit unserer kompletten Ausrüstung über Regenjacken, Fliegennetze, Wasserflaschen, obligatorische Sandwiches und Sonnencreme) los stapfen konnten. Unsere Wanderung war unter den Top5 der Lieblingsrouten eines ansässigen Rangers gelistet. Verraten hatte er sie in einem Interview der durchaus seriös wirkenden Seite Wildernessscotland.com, ein GPX Track wurde gleich mitgeliefert.

Never again? Loch an Eilein and Creag Dhubh

Der Bergsee Loch an Eilein ist ein malerisches Stück Erde. Ein angenehmer Weg führt am Ufer entlang unter Bäumen. Dann taucht plötzlich eine kleine Insel auf, die eine bewachsene Burgruine trägt, einst gehörte das schmucke Gebäude dem Wolf of Badenoch. Wir freuen uns über Sonnenstrahlen, lassen die Drohne fliegen und grüßen überlegen, aber freundlich die Spaziergänger, die sich diesen Tag ausgesucht haben, um ein wenig am Ufer zu schlendern. Nicht wir, wir wollen höher hinaus und nehmen alsbald eine Abzweigung. Der Weg wird schmaler, die Seiten bewachsener, aber immerhin ist er gut sichtbar. Ein älterer Herr kommt uns auf dem Mountainbike entgegen und grüßt uns verschwörerisch, schließlich sind wir es, die vom Spazierpfad abweichen, um mehr zu erleben. Einige Zeit später passieren wir Dukes Bothy, eine der Schutzhütten, die für alle Wanderer offen stehen. Spartanisch eingerichtet, bieten sie doch aber alles, was es braucht um die Nacht zu verbringen, sollte es denn nötig werden. Ein karges Hochbett, ein Tisch, Stühle, Kochgeschirr. Es wäre eine Lüge zu sagen, ich hätte nicht eine Ahnung gespürt, als ich die Tür nach einem kurzen Blick hinein wieder hinter uns zuziehe.

Zwischen hüfthohen Farnen und Sträuchern und sanften Hügeln irren wir zunächst etwas (sehr) verloren bis wir auch die Hütte aus den Augen verlieren. Es ist Mittags und die Sonne steht hoch. Es ist einer der heißesten Tage unserer sechs Wochen im Norden und ich verfluche ein bisschen, dass ich aus Gewohnheit ein langes Shirt trage. Alles in allem ist das aber unser kleinstes Problem, denn wir finden den beschriebenen Weg einfach nicht. Stattdessen gehen wir im Kreis, die GPX Koordinaten springen uns konstant davon und Kai als großer Liebhaber aller Technik, welche die von mir angestrebten, menschlichen Navigationskenntnisse ersetzen soll, tippt leicht gereizt auf den Bildschirm seines Smartphones. „Der Weg muss hier sein!“, wird zu unserem Satz des Tages. Aber davon wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch wenig. Wir drehen uns weiter, steigen über Sträucher, auf und ab bis zu meiner Erleichterung die Hütte wieder auftaucht. Gefühlt hat uns für eine gute halbe Stunde der Wald verschluckt. Wie man sich auch dreht und wendet – in jede Richtung der gleiche Blick. Ein Bermuda-Dreieck aus Sträuchern und Moor und Bäumen, das uns dann mehr aus Gefälligkeit als aus unserem Können heraus wieder an der richtigen Stelle ausspuckt. Zu diesem Zeitpunkt, es ist bereits 13 Uhr, versuche ich Kai den Rückweg schmackhaft zu machen. Ein Picknick unter dem Baum, den wir „Baum des Lebens“ getauft haben, eine Runde um den See, Füße ins Wasser, ist doch auch schön. Manche Diskussionen verlaufen nicht im Sand, sondern gegen Betonmauern. Kai beharrt darauf, dass wir noch nicht aufgeben können, denn schließlich seien wir Abenteurer und Abenteuer seien eben nicht immer geradlinig. Christopher McCandless wäre auch nicht berühmt, wäre er einfach umgekehrt. Wäre er umgekehrt, wäre er noch am Leben, denke ich. Wir gehen weiter. Oder besser: wir suchen weiter, denn noch immer haben wir keinen Schimmer, welchen Weg der Ranger gegangen sein will.

Plötzlich entdecken wir so etwas wie einen Pfad. Eigentlich ist es mehr die Hoffnung eines Weges statt einer echten Route, aber wir ergreifen sie und fühlen uns bestätigt, als wir Fußspuren im Matsch entdecken. „Hier waren schon mal Menschen“, ein für mich beruhigender Moment, für Kai neuer Antrieb. Die Luft wird stickig, wir kratzen entlang an Sträuchern und ducken uns unter Ästen, während unsere Füße Halt in erdigen Pfützen und auf Fels suchen. Es geht steil nach oben und wir ächzen unter der Anstrengung. Zwischendurch stehen wir mit den Schuhen in so etwas wie einem Bachbett, das sich den Hang hinunter gräbt und steigen über Steine und Geröll weiter nach oben. Ich kann es kaum fassen, Kai jauchzt zwischen Stöhnlauten der Anstrengung ob der unberührten Natur.Irgendwann öffnet sich der Weg und wir rempeln nicht ständig an Äste und Zweige. Es ist grün, das Rinnsal wird zu einem Bächlein und wir stehen in einem der unberührtesten Wälder, die wir wahrscheinlich bisher betreten haben. Wäre da nicht die Anstrengung. Der Weg ist weiterhin eigentlich kein Weg. Wir folgen seiner Ahnung, immer weiter nach oben, winden uns den Hang hinauf und steigen über Stock und feuchten Stein und Wurzeln. Nicht ausrutschen, nicht straucheln – über diese Mission fällt es mir schwer Freude für die Schönheit der Natur zu empfinden. Der Aufstieg wird zu einem Kampf. „Nur knappe 900 Meter ist der Berg heute hoch, Livia“, damit hatte Kai am Morgen noch meine Motivation gekitzelt, die langsam aber sicher zu Boden geht. Wut steigt in mir auf, alles in mir schreit „ICH WILL NICHT MEHR!“. Immerhin hilft der Hass mich von meiner Erschöpfung abzulenken. Kai möchte, dass wir langsamer gehen, ich will einfach nur noch ankommen. Dass der Aufstieg nicht unser größtes Problem sein soll an diesem Tag, wissen wir noch nicht.

Als das Winden ein Ende nimmt, liegt endlich der Bergkamm vor uns. Was nah aussieht, ist jedoch trügerisch. Genauso wie der Boden, der trocken wirkt, aber bei jedem Schritt leicht unter uns nachgibt und sich anfühlt als würden wir bergauf über Kaugummi gehen. Mittlerweile ist auch Kai nicht mehr begeistert und wirft sich nur mehr den Hügel hinauf statt frohen Schrittes zu gehen. Als wir oben ankommen, herrscht gespenstische Stille. Wind weht über das Geröllfeld, das den Bergkamm bildet. Ich finde das Szenario beinahe gruselig, dass es bereits Nachmittag ist und wir keinem anderen Menschen begegnen, trägt nicht zu meinem Wohlbefinden bei. Kai versucht es gemäß des Law of Attraction mit einem positiven Mindset. „Wir haben uns jetzt bis hierher gequält, jetzt müssen wir es auch genießen!“, versucht er mehr sich als mich zu überzeugen, während wir unsere Sandwiches essen. Mich haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits an das Gefühl verloren, dass das hier die schlimmste Wanderung meines Lebens ist. 2,5 Kilometer gehen wir am Kamm entlang übers Hochmoor, das faszinierende Farben hervorbringt. Rottöne tauchen zwischen dem Grün auf, es ist eine sonderbare und fremde Welt, die wir hier oben in der Einsamkeit betreten haben. Der Blick öffnet rechts von uns auf das Hochplateau und auch das wirkt nicht wirklich wie von dieser Welt. Es ist gigantisch. Weit und gewaltig, mich fröstelt es im Angesicht dieses Schauspiels.

Als Kai mir erzählt, dass der Ranger den Abstieg als die wahre Herausforderung dieser Wanderung bezeichnet hat, kann ich nur mehr lachen. Es ist kehliges Lachen, eines das Bände spricht und doch in Ausweglosigkeit endet. Wieder finden wir keinen Weg, dieses Mal nicht mal eine Spur davon, aber scheinbar soll das so sein. Wir bleiben interessanterweise jedoch auf Fährte der GPX Koordinaten und steigen vorsichtig über Felskanten und Spalten. Ich beginne eine emotionale Beziehung zu den nur noch spärlich wachsenden Sträuchern aufzubauen, denn sie bilden Halt für Füße und Hände. „Geh‘ vorsichtig!“, ruft Kai jetzt in regelmäßigen Abständen als Mantra. Irgendwann erreichen wir vom Wind schief gewordene Bäume. „Hier war der Ranger auch, davon schreibt er!“, Kai scheint einen kurzen Funken Hoffnung zu spüren, Auftrieb.

Wir kämpfen uns weiter bis zur echten Baumgrenze, nur um dann echte Enttäuschung zu spüren. Auf einen Weg hatten wir gehofft, ein denkbar schlechtes Szenario erwartet uns stattdessen. Für weitere drei Stunden werden wir durch den Wald brechen. Der Boden ist dicht bewachsen, sodass wir die darunter liegenden Felsen schlecht sehen können. Hüfthoch waten wir durch ein Meer aus Grün und brechen von Zeit zu Zeit nach unten weg, wenn die Pflanzen nachgeben und sich eine Spalte im Untergrund auftut. Keiner will es laut sagen, aber das hier ist gefährlich. Wenn jemand unglücklich stürzt, sich den Fuß bricht oder die Bänder reißt, dann haben wir ein echtes Problem. Ich tröste mich damit, dass es immerhin nicht regnet. Nicht auszumalen wie es wäre, wäre das Wetter wie immer. Schon längst habe ich in den Krisenmodus geschaltet. In meinem Inneren wird es dann ganz ruhig, wie gebannt fokussiere ich auf die Situation und bin so konzentriert wie selten. „Konzentrier‘ Dich. Weitergehen, wir müssen weiter, bevor es dunkel wird“, sage ich jetzt in regelmäßigen Abständen. Wir tauschen die Rollen. Jetzt versuche ich uns beide aufrecht zu halten. „Ich wünschte, jemand könnte uns abholen. Oder ich könnte mit der Drohne hier raus fliegen“, sagt Kai. Ich wünsche mir, dass wir durchhalten. Ein weiteres Problem ist, dass wir immer noch mit dem Abstieg beschäftigt sind und immer wieder unsere Route ändern müssen, um zu steile Passagen zu umgehen. Wir verlieren Zeit, müssen umkehren, gehen den gleichen Weg doppelt. In der Ferne glitzert der See, unser Ziel, und kommt doch nicht näher. Irgendwann haben wir den schlimmsten Abstieg geschafft und stehen vor der nächsten Herausforderung. In sanften Hügeln zieht sich die Landschaft jetzt vor uns hin. Entkräftet müssen wir im Wechsel leicht aufsteigen und dann wieder hinunter. Ständig verschwindet der See so aus unserem Sichtfeld und mit ihm der Anker, den wir bitter brauchen. Rechts vor uns am Horizont entdecken wir ein Haus im Wald und wissen nicht, was klüger ist. Dorthin in der Hoffnung, dass wir auf Menschen treffen, die…was? Uns Obdach schenken? Uns zu unserem Bus fahren? Wir entscheiden uns für den See.

Mittlerweile sprechen wir kaum noch, blicken nur konzentriert vor uns. Erst als der Untergrund kaum merklich besser wird, heben wir den Kopf und sehen uns mit einem Schimmer Hoffnung in den Augen an. Wir gehen weiter und vergessen die Zeit auf der Uhr, behalten nur noch das Licht und den Weg im Auge. Als plötzlich ein Pfad hinter dem nächsten Hügel auftaucht, können wir es kaum fassen. Es kostet fast Kraft ihm nicht entgegen zu rennen, aber wir bleiben geduldig. Als wir ihn erreichen, merke ich plötzlich, wie sehr meine Beine, meine Hüfte, mein Rücken schmerzen. Wir sind schmutzig, unsere Schuhe gefüllt mit Pflanzenresten. Als wir den See erreichen, waten wir barfuß ins Wasser. „Ich habe doch gesagt, wir werden uns gut fühlen, wenn wir die Wanderung hinter uns haben“, sagt Kai lächelnd. Ich bin erschöpft, wütend und glücklich gleichzeitig. „Das war die schlimmste Wanderung meines Lebens“, antworte ich. „Stimmt. Aber immerhin ist es eine Geschichte, die wir erzählen können“, sagt Kai.

 

1 comment

  1. Wow, was für eine Geschichte! Da muss ich Kai zustimmen :p. Ein ähnliche Situation hatten wir vor kurzem im Harz. Eine eigentlich lockere Rundwanderung um einen See, leider total zugeschneit. Irgendwann sollte man eigentlich über einen Steg laufen, die Spuren unserer Vorgänger führten jedoch teilweise über den gefrorenen See durch kniehohen Schnee & dazu kam die einsetzende Dunkelheit. War auch nicht lustig!

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